Es gibt diese Abende, an denen man ganz stupide und bräsig im Sofa versinken und – bewaffnet mit einem Snack und dem Getränk der Wahl – einfach verdammt gutes Zeug sehen will. Manchmal ist es ein Film, manchmal auch eine Serie. Gelegentlich wird man enttäuscht: in meinem Fall bei Infiltration, das viele Folgen lang sehr gut war und dann in das übliche Ami-Militär-Scheißzeug abdriftete, das so unfassbar stupide und langweilig ist.
Aber manchmal gibt es auch Perlen der Unterhaltung, und eine solche war für mich Plur1bus. Eigentlich war es mehr als Unterhaltung, denn die Serie hat mich nachhaltig verstört und viele Fragen aufgeworfen. Warum das so ist und warum das Thema sehr kompliziert ist, erkläre ich Euch in Ruhe. Aber der Reihe nach: ich mache Euch jetzt erst mal vertraut mit der Welt der ganz Vielen und der wenigen Einzelnen.
THEMEN IN DIESEM BEITRAG
Der Anfang
Es beginnt ähnlich wie in Contact: Forscher entdecken ein extraterrestrisches Signal, das auf Intelligenz schließen lässt und erregen damit weltweites Aufsehen. Völlig unabhängig davon werden in einem biologischen Labor Ratten untersucht. Eines der Exemplare scheint tot zu sein, erwacht dann aber überraschend wieder zum Leben und beißt sich durch den Vollschutzanzug einer der Mitarbeiterinnen, die sich daraufhin panisch zu dekontaminieren versucht, nach kurzer Zeit aber zuckend am Waschbecken steht und danach wie ausgewechselt ist. Sie infiziert weitere Kollegen, die wiederum andere Menschen infizieren. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf: die Infizierten verfallen in Krämpfe und sind danach nicht mehr die, die sie einmal waren.
Carol
Carol ist eine misanthrope, zynische und permanent schlecht gelaunte Buchautorin um die 50, die Adult-Fantasy-Romane schreibt und deren Frau auch gleichzeitig ihre Managerin ist. Abends in einer Bar, während einer Lesereise, sehen die Beiden, dass die Besucher und die Bedienungen mit Krämpfen und wie angewurzelt stehen bleiben, nach einigen Minuten wieder zu sich kommen und sich danach wie gleichgeschaltete Zombies benehmen. Auch Carols Frau hat es erwischt, allerdings fällt sie während des Befalls rückwärts mit dem Kopf auf den Boden und stirbt. Carol fährt irritiert heim und wird vor ihrem Haus von Menschen begrüßt, die wissen, wie sie heißen und sich merkwürdig, aber nicht feindselig verhalten.
Die Piratenlady und der Versuch einer Erklärung der Vorfälle
Piratenlady – so nennt Carol die junge, hübsche und freundliche Frau, die in ihrem Garten auftaucht und versucht, ihr alles zu erklären. Eigentlich heißt die Piratenlady Zosia und ist eine sehr nette Person, was Carol aber nicht davon abhält, in ihr einen Feind zu sehen und sie entsprechend zu behandeln. Zosia erklärt ihr, dass es einen unerklärlichen Vorfall gab, der von einem Virus ausgelöst wurde, dessen Herkunft unbekannt ist, das aber die Information des anfangs entdeckten Signals – einer codierten RNA-Sequenz – vom Stern Kepler 22b in sich trägt. Warum es dieses Signal gibt, ist nicht bekannt, aber es scheint schon sehr alt zu sein.
Das Virus und wozu es führte
Wer mit dem Virus infiziert wurde, erfährt eine Metamorphose: das eigene Ich wird ausgeschaltet und stattdessen werden alle Infizierten mit einem kollektiven Bewusstsein ausgestattet. Das bedeutet, dass alle Menschen miteinander vernetzt sind – über das körpereigene, elektromagnetische Feld – und somit jeder Mensch ab sofort Teil einer großen, ganzen Menschheit ist, ähnlich wie bei den Borg aus Star Trek. Die gesamte Menschheit benimmt sich wie ein einziges Kollektiv, in dem jeder Einzelne die Fähigkeiten aller anderen Menschen besitzt.
Aber anders als die Borg, die hauptsächlich daran interessiert sind, andere Spezies zu infiltrieren, um somit als Spezies an Macht zu gewinnen, ist es bei den Infizierten in Plur1bus anders: sie wollen in absoluter Harmonie leben, sind zu 100 % friedfertig und freundlich. Sie verfolgen keine düsteren Ziele, haben aber dennoch ihre Eigenheiten. So sind sie konsequente Frutarier und verwerten die Reste von toten Menschen, indem sie daraus eine proteinreiche Nahrung herstellen. Andererseits sind sie hilfsbereit, freundlich und komplett altruistisch. Sie wissen, dass es ein paar Menschen gibt, die gegen das Virus immun waren, wollen diese aber nicht gegen ihren Willen in ihr Kollektiv aufnehmen. Dies ginge auch nur dann, wenn die Immunen sich für eine Stammzellenspende entscheiden würden, damit das Virus auf deren Genetik abgestimmt werden kann. Sie erfüllen den immunen, nicht-assimilierten Menschen jeden Wunsch (ja, wirklich jeden!) und wollen, dass es ihnen gut geht – wenngleich sie sich freuen würden, wenn diese Menschen irgendwann freiwillig ihrem Kollektiv beitreten würden. Sie arrangieren sogar Treffen zwischen den immunen Menschen, obwohl sie wissen, dass diese vielleicht nichts Gutes im Schilde führen und sich gegen das Kollektiv verbünden könnten.
Die Infizierten sind niemals feindselig, immer hilfsbereit, freundlich und können nicht lügen.
Wie geht es weiter?
Soweit die grobe Beschreibung der Handlung, die sich irgendwo zwischen Drama, SciFi und Mystery bewegt. Krasse Situationskomik ist auch dabei, vor allem, weil Carol eine dermaßen lakonische, trockene und teilweise nervig-verneinende Art hat, dass man nicht weiß, ob man lachen oder sie aus dem nächsten Fenster schmeißen sollte.
Fans der genannten Genres dürften sich direkt wohlfühlen und brauchen keine Angst vor typisch US-amerikanischen Serienelementen zu haben. Militär sucht man zum Glück vergebens und auch ein klassischer Bösewicht ist weit und breit nicht zu sehen. Außerdem verschanzt sich keine Gruppe von Menschen in einer Kirche und es gibt keine verfeindeten Gruppen. Klingt doch schon mal gut, oder?
Plur1bus. Carol, Manousos und die Freiheit
Wenn es so richtig wehtut

Tja, was soll ich schreiben… ich bin schlussendlich bei E09 angelangt und die anfängliche Begeisterung ist abgeflacht. Bei E05 «Milch» fehlte mir das leichte Gruseln das ich 1974 bei «Soilent Green» hatte, der Plot war zu vorhersehbar. Der Roadtrip von Manousos hatte zwar seinen Reiz, zog aber die Handlung unnötig in die Länge. Das spontan Schräge des Anfangs bleibt in den folgenden Episoden irgendwie auf der Strecke. Auch der sich aufbauenden Beziehung zwischen Zosia & der gelangweilten Carol fehlte das gewisse Etwas. Das Staffelfinale liess mich dann eher ratlos zurück da ich die angedeuteten Brücken zur nächsten Staffel als planlos und chaotisch empfand.
Es bleibt zu hoffen, dass die im Herbst angekündigte Staffel 2 wieder etwas Leben in die Geschichte bringt – ansonsten muss ich den Stecker ziehen.
Das Staffelfinale ließ mich insofern ratlos zurück, dass ich dachte, dass sich Carol schon damit arrangiert hat, selbst Teil des Kollektivs zu werden und es gar nicht mehr als so schlimm empfand. Deswegen verstehe ich das mit der Atombombe nicht so ganz.
Hallo Martin,
Teile Deine Eindrücke, bin gerade bei E04 «Bitte, Carol» angelangt. Bisher seeehr unterhaltsam.
Das wird noch unterhaltsamer, glaub‘ mir. Teilweise recht langsam erzählt, aber nicht schlecht. Schreibe doch mal kurz über Deine Eindrücke, wenn Du die Serie fertig geschaut hast.