Severancology // TEIL 2 SEVERANCE und Scientology - die Parallelen

In Teil 1 habe ich Euch ja schon einen kurzen Überblick über die Thematik von SEVERANCE  gegeben. Jetzt geht es in die Details und die Beweisführung, warum SEVERANCE meiner Meinung nach eine komplette Analogie zu Scientology ist. Natürlich ist das nicht „in Stein gemeißelt“, was ich hier schreibe, aber vielleicht ein Denkanstoß für eine weitergehende Interpretation der Serie.

Dabei ist es mir wichtig zu erwähnen, dass ich keinesfalls dem Produzenten Ben Stiller in irgendeiner Weise unterstelle, dass er mit Scientology sympathisiert (er ist in dieser Beziehung sogar komplett unauffällig) – ganz im Gegenteil! Seine Serie ist für mich eher eine Abrechnung mit diesem Psycho-Kult, indem er ein Szenario erschafft, das als Analogie zu Scientology verstanden werden kann (und wahrscheinlich auch soll) und er auf diese Weise vor den Gefahren jeglicher Gehirnwäsche warnt, die die Manipulation von Menschen zum Ziel hat. Somit ist SEVERANCE also eine Anti-Scientology-Serie.

Kier Egan vs. L. Ron Hubbard

Kier Egan als Wachsfigur © content.severance.wiki / CC Attribution-Share Alike 4.0 International

L. Ron Hubbard, ein relativ erfolgloser Autor von viertklassigen SciFi-Groschenromanen, die so dermaßen plump, naiv und schlecht waren, dass es weh tut, hatte seine eigene Religion gegründet, die auf kruden Thesen aufgebaut war: Scientology. In Kurzfassung begründet sich seine „Religion“, die eigentlich nur eine extrem miese SF-Story ist, darauf, dass ein gewisser Außerirdischer namens Xenu vor vielen Milliarden Jahren (!) die Erde unterjocht hat (da gab es zwar noch keine Menschen, aber egal) und dann irgendwas mit Atombomben (!!) und Vulkanen (!!!) passiert ist, woraufhin die armen Seelen der Menschen (die es vor mehreren Milliarden Jahren wie gesagt noch nicht gab) gefangen waren. Die Seelen nannte er „Thetane“ und auf diesem billigen Schwachsinn baute er auch seine Religion auf: die Thetane müssen befreit werden! Das geht mit seiner eigenen Pseudo-Psychologie, die er „Dianetik“ nennt und die verdammt viel Geld kostet. Man kann blödsinnige, sauteure Kurse buchen, um nach und nach zum „Clear“ zu werden – also einem Menschen, dessen Seele befreit ist. In Wirklichkeit ist das übelste Gehirnwäsche und Betrug mit pseudo-psychologischen Elementen. Das Problem ist nur, dass es genug Menschen gibt, die diesen Unfug glauben und propagieren – auch viele Prominente wie Tom Cruise, John Travolta, Beck und Juliette Lewis. Klar, das Ganze ist ein Multimillionendollargeschäft und wer reich und promiment ist, ist bekanntlich für jeden Schwachsinn zu haben. Aber eigentlich ist die Church of Scientology nur geschickt verpackte Gehirnwäsche, eine Gelddruckmaschine und ein Kult um Hubbard und mittlerweile auch seinem Nachfolger, bei dem es um Macht und Kontrolle geht.

Wikipedia schreibt übrigens zu L. Ron Hubbard:

Schon zu Lebzeiten ist der Scientology-Gründer quasi zu einer mythischen Figur aufgestiegen. Er sei der jüngste Elite-Pfadfinder der Vereinigten Staaten, Leiter und Organisator vieler Forschungsexpeditionen gewesen, habe als einer der besten Segelflieger des Landes gegolten, sei ein tollkühner Kunstflieger und Erforscher der Luftfahrtgeschichte gewesen. Daneben habe er Universitätszeitschriften herausgegeben, habe Literaturpreise erhalten und sei anerkannter Fotograf und bedeutender Drehbuchautor in Hollywood gewesen. Heute verfügt Scientology über ein Büro für Hubbard in jeder seiner Kirchen und Organisationen, welches dauerhaft leersteht.

Kier Egan, der vermeintliche Gründer von Lumon Industries in SEVERANCE wird – ähnlich wie Hubbard – von seinen Angestellten wie ein Halbgott verehrt: in der Eingangshalle des Unternehmens hängt ein großes Relief mit seinem Gesicht, es gibt ein Handbuch mit seinen Regeln, sein Geburtshaus ist in einem Trakt der Firma nachgebaut, er ist allgegenwärtig bei Lumon, mitsamt seinen hanebüchenen bis unverständlichen Weisheiten. Das geht sogar so weit, dass der Ort, in dem Lumon Industries seinen Sitz hat, „Kier“ heißt. Für die Mitarbeiter gibt es ein „Compliance-Handbuch“, das akribisch über alles, was Lumon betrifft und wie die Gepflogenheiten in diesem Unternehmen sind, Auskunft gibt und die dort beschriebenen Verhaltensweisen für die Mitarbeiter dogmatisch vorgibt.

Gedankenkontrolle

Der Pausenraum © content.severance.wiki / CC Attribution-Share Alike 4.0 International

Bei Scientology wird Gedankenkontrolle groß geschrieben. Nur so ist man ein willfähriger Gläubiger, der nach Belieben manipuliert werden kann. Zumindest, wenn er noch lange kein Clear ist und noch auf einer der unteren Stufen steht. Das nennen die dort „Preclear“.

Bei Lumon Industries gibt es auch Gehirnwäsche, wenn man nicht so performt wie vorgesehen: dann muss man als Mitarbeiter der Severance-Abteilung auch mal in den „Pausenraum“ (der eigentlich nur eine Art Psycho-Folterkammer ist) und den immer gleichen, entwürdigenden Mist wiederholen, bis der Vorgesetzte sagt, dass es genug ist (im Fall von Helly war es über 1.000-mal, bis Milchik endlich zufrieden war). Natürlich ist das ganze Severance-Programm auf Gedankenkontrolle ausgelegt: dadurch, dass man einen Chip ins Hirn implantiert bekommt, der die Trennung von Privat- und Berufsleben – in Innie und Outie –  vornimmt und der mittels des „Überstunden-Kontingents“ eine Remotesteuerung zulässt, ist man als Severance-Mitarbeiter bei Lumon unter permanenter Kontrolle.

Der Unterschied zu Scientology ist lediglich, dass diese noch keinen Chip implantieren und die „Gläubigen“ sich mehr oder weniger freiwillig kontrollieren lassen. Das zentrale Manipulationsverfahren nennt sich bei Scientology übrigens „Auditing“.

Auditing vs. Wellness-Sitzungen und Leistungsbeurteilungen

Eine Wellness-Sitzung mit Irving und Ms. Casey © content.severance.wiki / CC Attribution-Share Alike 4.0 International

Die Wellness-Sitzungen bei Lumon sind berühmt-berüchtigt. Dort landet man aus verschiedenen Gründen, meist – so scheint es – wenn man sich um irgendwas verdient gemacht oder eine gute Leistung erbracht hat. Das Ambiente ist zwar recht hübsch, aber die Atmosphäre ist nicht wirklich entspannt. Ms. Casey, die Wellness-Therapeutin (oder wie immer man das nennen mag) erzählt dem Mitarbeiter dann ein paar Fakten aus dem Leben seines Outie. Man soll dabei keine Emotionen zeigen oder Kommentare abgeben, wenn etwa gesagt wird: „Ihr Outie ist ein sehr mitfühlender Mensch“ oder „Ihr Outie mag Hunde“. Tut man es dennoch, wird eine Strafe angedroht. Man soll also den Ausführungen mehr oder weniger emotionslos folgen und sich am Gesagten erfreuen.

Für die „Leistungsbeurteilung“ gilt Ähnliches. Man sitzt mit einer oder mehreren Personen in einem Konferenzraum und hat ein fein säuberlich gedrucktes Heft vor sich liegen, das wirklich sehr aufwändig hergestellt ist: die „Performance Review“, typografisch und gestalterisch perfekt.

Es ist eine Ausarbeitung, die akribisch die Stärken und Schwächen der beurteilten Person aufführt, wobei zunächst (psychologisch natürlich sehr geschickt) ganz kurz auf die Stärken eingegangen wird. Die nehmen allerdings keinen allzu großen Raum ein, denn es soll ja Kontrolle über den Mitarbeitenden ausgeübt werden – das geht nun mal am besten über ein sehr kurzes Lob und eine nachfolgende Kaskade von Kritikpunkten. Denn es kann ja nicht sein, dass ein Mitarbeitender so gut und fehlerfrei ist, dass er keiner ausführlichen Maßregelung bedarf. Schließlich hat Milchik bei seiner Leistungsbeurteilung am Anfang ein bisschen Lob erfahren, aber dann ging es direkt in die massive Kritik: „Sie drücken sich viel zu umständlich aus!“.

Auch hier haben wir wieder die Parallele zu Scientology, die das Gleiche eigentlich bei Ihren Auditings machen. Der „Preclear“ muss schließlich immer noch Verbesserungspotenzial haben, denn es sollen ja immer mehr Kurse gebucht werden, deren Preise gerne in den 6-stelligen Bereich gehen. Aber was tut man nicht alles, um „Clear“ zu werden…

Technologie

Ja, was stellt denn Lumon überhaupt her? Irgendwas mit toller Technik, soviel steht fest. Laut Severance-Wiki ist es wohl Biotechnologie, aber so richtig wird das in der Serie nie thematisiert. In der deutschen Fassung wird davon gesprochen, dass Lumon ursprünglich eine „Ätherfabrik“ war – was auch immer das sein mag, ich kann mir darauf keinen Reim machen. Im englischen Original war es wohl eine Salbenfabrik.

Von Biotechnologie merkt man allerdings in der Serie nichts. Abteilungen mit Bezeichnungen wie „Optics and Design“ lassen jedenfalls nicht auf Biotechnologie schließen. Die Abteilung mit den Lämmchen – nun ja…da weiß man selbst nach dem Anschauen von Staffel 2 noch nicht, wofür die gut ist. Spannend zu erfahren, ob das Geheimnis um die Abteilung mit den Lämmchen und den anderen Tieren (die „Säugetierabteilung“) in der dritten Staffel gelüftet wird. Irgendwo auf Reddit habe ich gelesen, dass die Zahlen auf den MDR-Bildschirmen vielleicht die Lämmchen (oder Ziegen) repräsentieren, was das Ganze allerdings nur noch surrealer macht.

Ansonsten ist SEVERANCE ziemlich retrofuturistisch designt, aber nicht durchgängig. Die Terminals der MDR-Mitarbeiter/innen wirken bewusst anachronistisch mit ihren Röhrenbildschirmen und den klobigen Tastaturen. Andererseits sind Gegenstände und Architektur teilweise sehr modern, im Detail aber auch wiederum so richtig 80-er-mäßig.

Der Vorstand

Ein Lautsprecher © content.severance.wiki / CC Attribution-Share Alike 4.0 International

Der Vorstand von Lumon spielt eine merkwürdige Rolle. An der Spitze steht Jame Eagan,  ein Nachfahre von Kier Eagan, die anderen Vorstandsmitglieder bleiben aber weitgehend im Dunklen und Ungewissen. Manchmal gibt es eine Art Audienz, dann ist der Vorstand zugeschaltet, und zwar über diese merkwürdig altertümlich aussehenden Tischlautsprecher. Dabei ist interessant, dass man meist nur Rauschen hört, die Mitarbeiterin bei Lumon hört aus diesem Rauschen allerdings ganze Sätze heraus, denn sie übersetzt dieses Rauschen für den Mitarbeitenden, an den die Ansprache gerichtet ist.

In einer Folge ist Helly im Überstundenmodus und nimmt an einer Firmenveranstaltung teil. Dort sieht man eine ganze Menge austauschbarer, beliebiger Menschen in Anzügen, die kalt, wichtig und austauschbar aussehen.

Das Personalgespräch bzw. die Leistungsbeurteilung, an der Milchick teilnehmen muss und in dem er ermüdende Fragen beantworten und sich erniedrigenden Aussagen zu seiner Person stellen muss, ähnelt einem Scientology-Auditing, wobei der Auditor ein brutal-manipulativer Mann ist.

David Miscavige, der Vorstandsvorsitzende der Scientology-Organisation ist ähnlich: beliebiges Aussehen, mysteriöse Praktiken, Anzug, falsches Lächeln.

So, und was nun?

Ich finde, dass die vielen Rezensenten der Serie SEVERANCE den Kern des Themas nicht wirklich erfasst haben, sogar den zentralen Aspekt komplett ausblenden. Das sieht man ganz anschaulich in der Zusammenfassung der Rezensionen auf Wikipedia:

Kevin Hanschke ordnet Severance in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwischen Science-Fiction und religiösem Horrorthriller ein. Es geht nach seiner Analyse um die Frage, ob Technik zu einem menschlich gesunden Verhältnis von Arbeit und Privatleben beitragen kann. Stiller und McArdle würden zeigen, „wie in einer Welt der absoluten Effizienz die menschliche Nähe das Element ist, das Revolutionen auslösen kann.“ Severance sei eine faszinierende Dystopie, die in Zeiten von Work-Life-Balance, Wellness, Sport und gesunder Ernährung wichtige Fragen zum Wert der Arbeit aufwerfe. Ronny Rüsch von n-tv sieht als die zentrale Frage, die durch den Showrunner und die Regisseure aufgeworfen wird, die Definition von Arbeit in der modernen Welt. Zwischen reinem Lebensunterhalt und Sinngebung für Gesellschaft und Individuum hin- und hergerissen, hinterfrage die Serie den Umgang mit dem Berufsleben.

Sorry, das ist zu wenig. Ja, natürlich geht es um die moderne Arbeitswelt, um Ausbeutung, um Privatleben. Aber meiner Meinung nach springt den Zuschauer die Parallele zu den Konzepten von Scientology förmlich an und das habe ich versucht, im Artikel herauszuarbeiten. Es ist mir sogar völlig unverständlich, wie man das nicht sehen kann. Einige User auf Reddit haben das übrigens auch gemerkt. Zum Beispiel hier, hier und hier. Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Aber immerhin habe auch ich gemerkt, dass bei SEVERANCE so ein Scientologen-Ding läuft und ich hoffe, ich konnte das in den beiden Artikeln gut erklären.

Ich weiß natürlich nicht, inwiefern Euch das alles interessiert hat, aber vielleicht habe ich Eure Neugier auf diese wirklich ungewöhnliche Serie geweckt, die definitiv kein Hollywood-Serien-Mainstram ist und genau das ist, was ich unter einer guten, innovativen Serie verstehe.

Schreibt mir doch einfach Eure Gedanken dazu in die Kommentare und auch, ob Ihr SEVERANCE schon gesehen habt und wie Ihr die Serie findet. Für mich ist sie jedenfalls ein absolutes Highlight hinsichtlich Storytelling und visuellem Design, wobei der Mindfuck- und „Ach du scheiße!!“-Faktor nicht zu kurz kommen.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin oft kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohne ich am Mittelrhein. Und ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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