Die „Generation ‚Keine Ahnung'“

Heute habe ich im Web gelesen, dass deutsche Schüler mal wieder extrem abkacken, was die Leistungen im Bereich EDV/IT angeht. In den Schulen stehen nur alte Rechner mit Windows XP, wo man 1 mal pro Woche ran darf (überspitzt). So der Grundtenor. Die anderen Staaten sind jedenfalls viel weiter.

Ein glückliches Kind?Im Rahmen dieser Diskussion kommt auch immer wieder das Thema auf, ab wann ein Kind Umgang mit Computern, Tablets oder Smartphones haben sollte. Herr Kullak-Ublick, der Vorstand vom Bund Freier Waldorfschulen, ist der Meinung: kein Computer unter 12! Nun kann man ja zum Thema „Waldorfschule“ grundsätzlich geteilter Meinung sein, aber die Haltung des Herrn halte ich doch für ein wenig reaktionär. Außer Frage steht für mich, dass Kinder erst ab einem bestimmten Alter mit Computern gleich welcher Art umgehen sollten, in erster Linie sollten sie in einem frühen Alter „Kind sein“. Sie sollten sich zuerst einmal die Kompetenz erspielen (ich sage bewusst nicht „erarbeiten“), mit anderen Menschen klar zu kommen.

Wenn das nämlich nicht der Fall ist, dann stellt sich das vielleicht so dar, wie ich es vor 3 Jahren im Urlaub in Italien erlebt habe: da saß am Nebentisch in einer Eisdiele eine Familie, bei der jedes Familienmitglied ein Smartphone in der Hand hatte. Es wurde nicht gesprochen! Stattdessen hat man anscheinend per Instant Messenger miteinander kommuniziert. Ehrlich, die haben kein Wort geredet!!! Und die kleine Tochter tat Ina und mir wirklich leid: sie hatte kein Smartphone (wahrscheinlich hatte man es ihr abgenommen, weil sie unartig war) und sie ging immer zu ihren Brüdern, um auf das Display zu schauen. Niemand redete mit ihr… Später, als die Familie ging, geschah auch das wortlos; jede hatte sein Smartphone in der Hand und schaute auf das Gerät, das die Gesichter in einen grünlichen Farbton tauchte. Jeder stand für sich in einer Ecke.

Das ist ein Beispiel, wie Kommunikation nicht stattfinden kann und sollte. Soziale Krüppel werden da herangezüchtet. Das Thema polarisiert, und so hat Cashy heute einen prima Artikel verfasst, der sich mit den Aussagen des Herrn Waldorf-Vorsitzenden auseinandersetzt – aus der Sicht der drei Redakteure von Cashys Blog. Spannend sind die Antworten auf den Artikel, auch ich habe meinen Senf dazu gegeben, weil von „ich erziehe meine Kinder wie ich will“ bis hin zu „mein Sohn, der demnächst seinen Doktor macht, hat mithilfe des Computers lesen gelernt“ fast jede Meinung vertreten war.

Es geht doch heute nicht mehr darum, ob Kinder mit digitalen Medien umgehen sollen, sondern wie. Daher meine persönlichen, subjektiven Thesen:

  • Ein Kind muss zunächst soziale Kompetenz lernen – durch Spielen, Sprechen, Liebe, verbale Kommunikation, körperliche Interaktion
  • Wenn es soweit ist – und das ist unterschiedlich – sollte man das Kind auch an die andere, die digitale Welt, heranführen. Und zwar so, dass es es versteht und nicht stumpf konsumiert, was ihm vorgesetzt wird
  • Grundlegende Kenntnisse der Mathematik, der deutschen Sprache und der Naturwissenschaften gehören praxisgerecht in Schulen vermittelt
  • Wenn das gegeben ist, kann und sollte auch der Umgang mit Computern und digitalen Medien erlernt werden. Warum? Weil man später nicht mehr drumhereum kommt und damit arbeiten muss oder will

Der SmombieWas haben wir stattdessen? Eine Horde Smombies, die mit leerem Blick auf das Smartphone touchen, bei jedem Gewinnspiel mitmachen, wo man ein iPad oder ein anderes Tablet oder Smartphone gewinnen kann (und noch nicht mal schauen, was sie da eigentlich an Daten veröffentlichen, weil sie einfach auf alles klicken, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist). Und wir haben die EDV-Legastheniker, die zwar jeden Müll konsumieren können, aber nicht mal wissen, wie man sein Smarphone oder einen Rechner vernünftig konfiguriert. Die bei jedem Rotz fragen: „Ey, keine Ahnung wie das geht, mach mal!“ Und schon sind wir bei der „Generation ‚Keine Ahnung'“. Die alles konsumieren kann, aber nicht weiß, warum und wie es funktioniert (und es auch nicht wissen will). Die auf jede Frage mit „keine Ahnung“ antwortet, weil das Gehirn schon weggebrutzelt ist. Und zwar vom stupiden Konsum, ohne jemals irgendwas hinterfragt zu haben. Der Traum der Industrie und der Konsumgesellschaft: kaufen, Fresse halten, weiter kaufen. Das sist sicherlich keine Medienkompetenz, sondern Medieninkompetenz. Und wenn wir weiter denken ist das auch soziale Inkompetenz. Wir züchten uns Sozialkrüppel heran, die irgendwann zu totalen Psychos werden.

Was denkt Ihr?

Alles halb so wild oder beschäftigt Euch das Thema auch? Schreibt mir in den Kommentaren!

Über Martin

Ich bin der Chefredakteur des Loft 75, dem "Magazin für das 21. Jahrhundert im Stil der 70er". Geboren 1969 in einem kleinen Ort im "Welterbe Oberes Mittelrheintal", somit > 40 Jahre alt und gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert und besitze auf jeden Fall eine kreative Ader, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und jetzt wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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