Die Katze und das Kochbuch Eine Geschichte von Wut, Liebe und Selbstreflexion

Meine Mutter hatte mir ungefähr 1998, als sie nach ihrer Rente ihre Leidenschaft entdeckt hat, mit dem Zug ab und zu von Lahnstein nach Köln zu fahren, um zu shoppen und „mal was anderes zu sehen“, von dort mein erstes eigenes Kochbuch mitgebracht. Und ja, ich liebe Kochbücher! Sie hat es in einer Buchhandlung auf der Hohe Straße gekauft und es hat mich bis heute begleitet. Es ist eines dieser Kochbücher, die man immer wieder gerne zur Hand nimmt, obwohl man eigentlich schon jedes Rezept in- und auswendig kennt. Mit Flecken vom Kochen und vom Kleckern, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Ganz ausgelesen, die Seiten leicht vergilbt. Dieses Kochbuch hat mich jetzt mehr als 25 Jahre begleitet. Es heißt: Basic Cooking.

Als ich heute spät wach wurde, habe ich den Tag ruhig begonnen. Mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette auf dem Balkon. Später wollte ich zu Ina fahren, die zu diesem Zeitpunkt in Kur war, ungefähr eine Stunde mit dem Auto entfernt. Als ich wieder in die Wohnung ging, lag das Buch aufgeschlagen auf dem Esstisch – ich hatte gestern beim Essen darin gelesen (ja, ich bin ein bisschen komisch, ich lese beim Essen Kochbücher). Was ich dann gesehen hatte, machte mich fassungslos: unsere Katze hatte die Seiten zerkratzt. Einfach zerstört, bestimmt fünf Seiten, kaputt, zerkratzt, zerstört. Jetzt ist es so, dass Basic Cooking nicht einfach nur ein Kochbuch für mich ist: es hat mich fast die Hälfte meines Lebens begleitet. Mit mir meine Beziehungen, meine Wohnungen, die Stationen in meinem Leben. Und jetzt: kaputt.

Die Katze saß daneben, auf dem Esstisch, und betrachtete ihr Werk. Meine spontane Reaktion war, sie böse und entrüstet vom Tisch herunter zu werfen und sie als Arschloch zu betiteln. Ja, richtig gelesen. Ich habe sie angebrüllt und Arschloch genannt! Dann lief ich ihr noch hinterher und sie versteckte sich vor Panik unter dem Bett, weil sie merkte, dass ich böse auf sie war. Sie hatte einfach so, ohne Sinn und Verstand, etwas kaputtgemacht, das mir viel bedeutet. Aus einer Laune heraus, weil sie genervt war, weil ihr langweilig war. Für sie war das Buch nur ein besseres Kratzbrett, für mich ist es Geschichte. Ich war so unsagbar sauer, böse und wütend. Warum tut sie mir das an? Was habe ich falsch gemacht? Wollte sie mich provozieren? Machte es ihr Spaß, etwas zu zerstören, das mir am Herzen liegt? Was war es? Eigentlich hat es mich nicht interessiert, sie hat blindwütig etwas zerstört, an dem ich hänge, das mir etwas bedeutet.

Ich habe die Katze dann ignoriert, sie böse angeschaut, bin ihr aus dem Weg gegangen, sie laut und wütend angesprochen. Dann fuhr ich zu Ina und kam erst spät abends wieder. Als ich die Tür aufgeschlossen hatte, wurde ich wie immer von ihr begrüßt. Ich habe sie wieder mit Missachtung gestraft, habe meine Sachen erledigt und bin aufs Sofa gegangen. Die Katze kam zu mir gehüpft, schnurrte und wollte gestreichelt werden. Und da ist mir erst aufgefallen, wie böse ich zu ihr war, wie ungerecht. Die Katze war lieb zu mir, wollte einfach nur Zuneigung und ich habe sie dann auch gestreichelt, mit ihr gesprochen. Natürlich ist mir klar, dass sie vielleicht nicht viel versteht von dem, was ich sage. Aber sie hat sicher gemerkt, dass ich es immer gut mit ihr meine. Auch wenn sie mal Scheiße gebaut hat. Ich denke, das ist wie bei einem Kind: es hat sich daneben benommen, es hat etwas kaputtgemacht, man zeigt ihm, dass es nicht okay ist, was es getan hat. Aber hey, in meinem Fall war es doch einfach nur eine Katze. Sie hat mich eigentlich angefleht „sei wieder gut zu mir, ich halte es nicht aus, wenn du so zu mir bist!“ Das hat mir in diesem Moment so leid getan, dass ich so böse und ungerecht zu ihr war. Es ist wie jemand, der Durst hat und dem man nichts zu trinken gibt. So war ich. Die Katze hat etwas gemacht, das sie nicht einschätzen konnte. Nicht, weil sie böse war, nicht, weil sie etwas zerstören wollte, was ich mag. Und ich habe sie dafür bestraft. Eigentlich müsste ich mich dafür bestrafen, dass ich so zu ihr war.

Vielleicht war ihr langweilig, vielleicht hatte ich mich vorher nicht gut um sie gekümmert. Nicht genug gespielt, sie manchmal ignoriert. Irgendwas. Aber nichts, was es rechtfertigt, so mit ihr umzugehen. Es tat mir so unendlich leid. Das Kochbuch ist eigentlich nur ein Kochbuch, mehr nicht. Auch wenn es mir mehr bedeutet, aber das konnte sie nicht wissen – wie auch. Ich habe ihr einen schönen Abend gemacht mit ganz viel Kuscheln und Streicheln und ihr gesagt, wie leid es mir tut, wie ich sie behandelt habe.

Die Katze ist eigentlich ein Kater. Und er heißt Baby Hübner. Es ist unsere liebe Katze. Die manchmal auch Sachen macht, die man nicht gut findet. Aber hey: es ist doch nur eine Katze. Und so, wie sie uns liebt, lieben wir sie auch.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin oft kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohne ich am Mittelrhein. Und ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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