Diesel-Dieter war bei uns "Argumente" von e-Auto-Kritikern

Am Wochenende war es dann doch mal so weit: wir hatten einen echten „Diesel-Dieter“ bei uns zu Besuch. Warum? Weil unsere gemeinsame Freundin S. ihn als neuen Freund hat und beide bei uns waren.

Obwohl der Dieter (er heißt natürlich nicht wirklich so) relativ schweigsam war, begann dann doch irgendwann eine zarte Unterhaltung. Er sah die Photovoltaik-Module auf den Dächern unserer Nachbarn und erzählte von Balkonkraftwerken. „Na gut“, dachte ich, „scheint ja gar nicht mal so unvernünftig zu sein, der Dieter.“ Im Laufe des Gesprächs kam dann die Sprache auf die Katastrophe im Ahrtal und dass den Leuten teilweise immer noch nicht geholfen wurde, da blitzte plötzlich meine Skepsis auf, als er sagte „Aber Hauptsache, für die Ukraine haben wir genug Geld!“ Ups, getäuscht in Dieter. Er hat nur die altbekannten Platitüden drauf. Fehlte eigentlich nur, dass er sagt „…aber bei uns müssen die Rentner Flaschen sammeln, aber Hauptsache, wir schicken unser ganzes Geld in die Ukraine und sponsern Fahrradwege in Peru!“. Das kam zum Glück nicht, aber ich war vorgewarnt.

Generell ist es nie eine gute Idee, mit „aber Hauptsache, xyz [beliebiges anderes Thema hier einsetzen]…“ zu argumentieren, indem man vom eigentlichen Thema ablenkt und alles, was nicht zusammenpasst, miteinander zu verquirlen. Das nennt man Derailing und wenn man nicht aufpasst, ist man plötzlich in einer Rechtfertigungs-Spirale gefangen, weil dann das Gegenüber den Ton angibt und sein Thema bespricht, aber nicht mehr das Urspungsthema. Eng damit verwandt ist auch der Whataboutism, den man auch zusammen mit Derailing verwenden kann, um das Gegenüber komplett an die Wand zu stellen. Schnelle Abhilfe: sofort sagen „Aber darum geht es im Moment ja nicht. Lass‘ uns mal beim Thema bleiben.“

Dann sprachen wir über über Inas neues Auto, den Renault 5 e-tech (s. Bild), den wir vor ein paar Tagen abgeholt haben und der mordshammergeil ist. Er so: „Für mich wäre das ja nichts. Die machen immer so bsss…bsss… beim Fahren, ich brauche richtigen Motorsound. Für mich käme vielleicht ein Hybrid infrage.“ „Ja,“, sagte ich, „dann hast Du aber 2 Motoren und eigentlich gar nichts gewonnen. Mehr Gewicht, der Verbrennermotor kann immer noch kaputt gehen, alles andere auch, …“ Daraufhin er: „Aber so ein Verbrenner hat doch richtige Rückmeldung (?), so ein Elektrischer summt doch nur vor sich hin. Und die Reichweite natürlich.“ Klar, der Vebrenner hat voll die Rückmeldung. Besonders dann, wenn der Auspuff kaputt ist und der Motor komische Geräusche macht. Kann ich persönlich drauf verzichten.

Jetzt ist es so, dass ich ein Mensch bin, der auch in den ausweglosesten Situationen meist noch die Contenance behält, und so änderte ich schnell das Thema. Ehrlich gesagt wollte ich auch unsere Freundin nicht in eine unangenehme Situation bringen und Ina und mir mit Bullshit den Tag versauen.

Später gingen wir essen und wie es in heutigen Zeiten leider unvermeidlich ist, kam das Thema dann auf Politik. Ein Graus. Irgendwann sagte er, als wir bei der aktuellen Politikerbesetzung waren „Aber eine Annalena Baerbock – die ist doch einfach nur DUMM!!!1elf!!!(das hat er wirklich herausgebellt). Unsere Freundin schaute schon betreten zur Seite, Ina und ich fragten „warum denkst du das?“ und dann verlief das Ganze zum Glück im Sande. Er erzählte uns dann noch, dass die Aldi-Steaks so unfassbar gut sind, die er auf seinem Webergrill grillt. ’nuff heard. Eigentlich wollten wir ja auch nur entspannt essen gehen und uns vernünftig unterhalten.

Man kann zu Frau Baerbock stehen, wie man will, auch wenn man selbst nicht den geringsten politischen Background hat und die Grünen doof findet, weil die Bild-Zeitung das sagt. Man kann auch billige Aldi-Steaks auf einem sauteuren Webergrill grillen und lecker finden. Aber wenn man die Ahrtal-Katastrophe und die Ukraine-Unterstützung in einen Topf wirft, um damit heftig herumzupolemisieren und die Argumente an den Haaren herbeizieht, warum e-Autos irgendwie doof sind, dann macht das keinen guten Eindruck beim ersten Kennenlernen. Und auch sonst nicht.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin oft kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohne ich am Mittelrhein. Und ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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