Zwei Auswege aus der uns bekannten Realität Fesselnde Filme zum Nachdenken und Staunen

In der letzten Zeit habe ich zwei Filme gesehen, die mich anfangs ratlos zurückgelassen haben, nach einigem Nachdenken (was sogar ziemlichen Spaß gemacht hat) aber meine Realität bzw. die Sicht auf diese erweitert haben. Beide Filme hinterfragen nämlich die Realität, wie wir sie kennen. Entweder, indem man in ein Leben geworfen wird, das man nicht kennt oder im anderen Film in einer konstruierten Realität ein merkwürdiges Spiel spielen muss.

Film 1: Anderland

Ein dystopischer Mystery-Dramafilm aus Norwegen. Die Handlung in Kurzform: Andreas wird in einer kargen Landschaft von einem Bus ausgesetzt, von einem vermeintlichen Tankstellenwärter in eine Stadt gefahren und soll dort fortan ein neues Leben verbringen. Mit einem hübschen, nicht allzu überfordernden Arbeitsplatz in einer Firma, in der alle Kollegen unverbindlich, kühl und freundlich sind. Mit einer Frau, die er bei einem gemeinsamen Essen kennenlernt, die aber noch nicht einmal eine Gefühlsregung zeigt, als er ihr später eröffnet, dass er Schluss macht. Kurzum: ein antiseptisches, cleanes, neues Leben, in dem alles Fassade ist, man vom Alkohol nicht besoffen wird und das Essen nach nichts schmeckt. Wo selbst schlimmste Ereignisse ignorant und gefühlskalt weggelächelt werden. Bis er einen Mann kennenlernt, der einen Spalt zu einer anderen Realität gefunden hat (im wahrsten Sinne des Wortes: ein Spalt in der Wand seiner Kellerwohnung, von wo aus man in der Ferne Musik hört). Natürlich will der Mann, zusammen mit Andreas, wissen, was das für eine Realität hinter dem Spalt ist und sie beschließen, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das geht allerdings nicht gut…

Anderland bietet keine Auflösung. Die Auflösung findet stattdessen bei jedem selbst im Kopf statt. Und das überraschend schnell, denn man merkt, dass dieser Film keine „realistische“ Alternativrealität beschreibt (oder vielleicht doch?), sondern eher eine Metapher darstellt. Hört sich jetzt furchtbar kompliziert-intellektuell an, ist es aber nicht. Kurze Zeit, nachdem man den Film hat „sacken“ lassen, denkt man sich vielleicht: „Ja, ist bei mir eigentlich genau so!“ Somit ist Anderland eigentlich schon surreal: die Bilder, die Personen, die Szenen. Eine grotesk überzeichnete Form der Realität, die wir hassen. Sozusagen der bildlich verpackte Alptraum der heutigen Welt: immer schön lächeln, bloß keine „echte Realität“ spüren – und wenn doch, dann wird man bestraft und bekommt letztendlich die Frage gestellt: „Wir haben es dir so schön gemacht! Die meisten anderen wissen das zu schätzen! Warum bist du so undankbar für das, was wir dir bieten?“

Spoiler
Man kann den Film wie folgt zusammenfassen: „Was, du willst dieses glattpolierte, perfekte, kalte Leben, das wir dir bieten, nicht? Dann hast du eben Pech gehabt!“. Am Schluss des Filmes wird Andreas wieder in den Bus gesteckt, diesmal aber hinter eine Klappe neben dem Motor, was ihm eine äußerst unangenehme Fahrt bereitet, um dann in einer eiskalten Landschaft zu enden, die außer Schneestürmen und Verzweiflung nichts zu bieten hat. Andreas bekam am Anfang ein cleanes, neues Leben (die heutige Arbeits- und Gefühlswelt, aber auch die soziale Kälte), aber wollte einfach nur „leben“ – das, was er hinter dem Spalt sah, war das „echte Leben“. Und genau das war von der Gesellschaft nicht gewollt – dass man hinter den Vorhang schaut. Als Strafe bekam er dann eine neue Existenz, die grausam ist (im übertragenen Sinne: Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, Existenzminimum, noch mehr Kälte) – symbolisiert durch den Schneesturm, in dem er zurückgelassen wurde.

 

Anderland ist auf Amazon Prime Video für Abonnenten kostenlos verfügbar.

Film 2: Vivarium

Auch dieser Film, der diesmal aus Irland stammt, stellt die Realität infrage. Wobei ich mit den meisten Kritikern nicht übereinstimme, die lediglich eine Sozial-Metapher in diesem Film sehen wollen. Stattdessen ist Vivarium ein verstörender Film, der irgendwo zwischen Mystery, Drama und teilweise sogar Horror angesiedelt ist. Darum geht’s:

Ein junges Paar, Gemma und Tom, geht in ein Immobilienbüro und lässt sich von dem ziemlich merkwürdigen Makler „Martin“ überreden, sich ein Haus in der neuen Siedlung „Yonder“ anzuschauen. Sie fahren ihm hinterher und landen in einer Siedlung, in der jedes Haus gleich aussieht und es keine Menschen gibt. Plötzlich ist der Makler mitsamt seinem Auto verschwunden und die Beiden sitzen fest – denn es gibt keinen Handyempfang, jeder Weg aus der Siedlung heraus endet immer wieder vor ihrem Haus mit der Nummer 9, das perfekt eingerichtet ist und genauso aussieht wie alle anderen Häuser. Jeder Fluchtversuch scheitert, die Beiden sind gefangen. Essen steht in Kartons vor dem Haus, niemand weiß, wer es bringt. Und eines Tages liegt ein Baby im Karton vor dem Haus. „Zieht es groß, dann seid Ihr frei“, steht auf dem Karton. Das Kind wächst erschreckend schnell, und auch alles andere an diesem Kind ist erschreckend. Es imitiert seine „Eltern“, benimmt sich absurd und schreit, wenn es etwas will. Dabei ist es immer frisch gescheitelt und trägt Hemd und Hose. Der Fernseher im Wohnzimmer zeigt merkwürdige, geometrische Muster und verstörende Töne, während das Kind gebannt davorsitzt. Ja, und dann ist da noch dieses Loch, das Tom aushebt und das scheinbar kein Ende nimmt.

Was passiert hier? Diese Frage kann ich Euch vielleicht beantworten, wenn Ihr den Spoiler ausklappt – aber dann ist natürlich die ganze Spannung dahin. Ich kann nur soviel sagen: hier wird wieder mit der Realität gespielt, aber anders, als man vielleicht denkt. Das, was dahinter steckt, ist weitaus monströser, als man anfangs glaubt. Während Anderland wirklich eine Metapher ist, so ist Vivarium ziemlich konkret. Und zwar konkret alternativ-real. Der Zuschauer erlebt, wie zwei Menschen in einem Szenario, das nur für sie geschaffen wurde, beobachtet werden und eine Aufgabe haben.

Extrem faszinierender Stoff! Wer sich für gehobene Mystery interessiert und bereit ist, sich nach dem Film noch ein paar Gedanken zu machen (die auch von Erfolg gekrönt werden), ist hier richtig.

Spoiler
Abgesehen von dem, was die Kritiker schreiben (Metapher für Routine, Gleichförmigkeit, etc. bla bla) gibt es hier eine handfeste Handlung. Denn der „Sohn“ ist anscheinend von einer komplett anderen Physiologie als ein Mensch. Ein Buch, das er eines Tages mitbringt und das er von „jemandem“ bekommen hat, ist in merkwürdigen, vollkommen unbekannten Schriftzeichen geschrieben (außerirdisch? Oder eine Schrift aus einem Paralleluniversum oder aus der fernen Zukunft der Menschheit?). Als Gemma den nun erwachsenen Sohn mit der Spitzhacke erledigen will, sieht sie, dass er kein menschliches Wesen ist, darauf lassen seine Laute und die spinnenartige Art zu flüchten, schließen. In dem besagten Buch gibt es auch Zeichnungen, unter anderem davon, wie am Hals eines menschenähnlichen Wesens eine dicke Stelle entsteht (ähnlich wie bei einem Frosch), mit der anscheinend Laute erzeugt werden können. In einem Rollenspiel sieht sie auch bei ihrem „Sohn“, dass sich der Hals aufbläht und er merkwürdige Laute von sich gibt. Definitiv creepy! Und nicht zuletzt flüchtet dieses Kind nach dem Spitzhacken-Angriff von Gemma unter den Bürgersteig, den er mit einer Handbewegung aufklappt – dahinter befinden sich weitere Räume mit Menschen, die ihrem konstruierten Leben nicht entkommen können und jeweils auch so ein merkwürdiges, abnormes Kind aufziehen müssen. Am Ende des Films, nachdem sowohl Tom als auch Gemma tot sind, fährt das nun erwachsene Kind zu dem Immobilienbüro, in dem alles anfing, und der ehemalige Makler „Martin“ stirbt. Er wird entsorgt und das „Kind“ nimmt seinen Platz und seinen Namen an; bereit, ein neues Paar in die Siedlung zu locken.

Meine Theorie: Die Siedlung ist ein Konstrukt einer nichtmenschlichen oder zukünftigen Spezies, die – ähnlich wie ein Kuckuck – ihre Kinder von menschlichen Eltern heranzüchten lässt und diese dann sterben lässt. Das Buch, das das Kind mitbrachte, lässt erahnen, worum es geht, selbst wenn man die fremdartigen Schriftzeichen nicht entziffern kann. Wo diese Siedlung angesiedelt ist, kann man nur erahnen. Vielleicht in einer isolierten, parallelen Realität die nur deswegen geschaffen wurde, damit diese merkwürdigen Wesen ihre Kinder von Menschen aufziehen lassen können.

 

Und auch hier wieder der Trailer. Den ich übrigens für vollkommen ungeeignet finde, denn er erweckt den Eindruck, dass Vivarium ein launiges, schrulliges Filmchen ist. Und das ist definitiv nicht der Fall. Vivarium ist komplett verstörend.

Der Film ist für Amazon Prime-Mitglieder kostenlos zum Streamen.

Die Sache mit der Realität

Dass es keine objektive Realität gibt, sondern sich jeder mit seiner eigenen Version des realen Erlebens rumschlagen muss, ist nicht nur meine Meinung. Realität ist subjektiv, sie kann niemals objektiv sein. Und wenn man die subjektiven Bestandteile abzieht, bleibt wahrscheinlich nichts mehr übrig. Wo Anderland eine kalte Metapher ist, wird dem Zuschauer bei Vivarium ein Blick hinter den Vorhang präsentiert. Ein ziemlich konkreter, möglicher Blick, der einen erschaudern lässt über die wahre Natur der Dinge.

Wer Crash-Boom-Bang-Action-Blockbusterkino mag, wird nach jedem dieser beiden Filme nach spätestens 10 Minuten gelangweilt abschalten, sich eine Tüte Chips holen und sich irgendwas mit Dwayne Johnson oder Vin Diesel anschauen, während er/sie vor sich hin murmelt: „selten so einen langweiligen Scheiß gesehen…“ Die Zielgruppe der beiden Filme ist nicht die der Actionfilm-Liebhaber, sondern der Menschen, die neue Denkansätze, verpackt in faszinierende Bilder, sehen wollen.

Die Siedlung „Yonder“ in Vivarium ist so krank in ihrer Gleichförmigkeit, dass es einen graust. Und die Welt von Andreas in Anderland ist in ihrer lächelnden Gefühlskälte so widerlich, dass man sich fragt, ob man selbst schon dort lebt, aber es noch nicht gemerkt hat.

Zwei hervorragende Filme, weit abseits des Mainstream, die zum Nachdenken anregen über die Frage: was ist eigentlich Realität?

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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