There Will Be Dragons Der Tag, an dem der letzte Mensch die Erde verließ

Alex Young verriegelte den Helm an seinem Schutzanzug, öffnete das Ventil mit der Luftzufuhr und ging hinaus in die öde, alte Welt. Die meisten Menschen waren schon fort und auch er musste nur noch einen Job erledigen: alles, was er noch filmen konnte zu filmen, die Aufzeichnungen akkurat zu beschriften und vielleicht noch die eine oder andere Probe mitnehmen. Damit es wenigstens noch ein paar Erinnerungen an die Erde gab, wie sie zuletzt war.

Music video by Owl City performing Alligator Sky. (C) 2011 Universal Republic Records, a division of UMG Recordings, Inc.

Er ging durch die leeren Straßen der staubigen Welt – unter dem blauen Himmel, aus dem seit vielen Jahren kein Tropfen Regen mehr gefallen war. Überall lag Abfall, die Geschäfte und Häuser waren leer. Nicht weit von ihm entfernt starteten wieder drei automatische Raketen. Sie sahen altmodisch aus, wie Raketen aus einem alten Comic aus den 50-er Jahren des vorletzten Jahrhunderts. Die Ingenieure hatten sich wohl einen Spaß daraus gemacht, sie so zu designen. Aber es musste wohl auch technische Gründe gegeben haben, warum sie genau so aussahen.

Es war noch eine von Alex‘ letzten Aufgaben, den North Dakota Monument Canyon zu filmen und ein paar Proben aufzusammeln, dann musste auch er sich auf den Weg machen. Jeden Tag starteten unzählige Raketen und nahmen die letzten Menschen mit. In einer Stunde war auch er soweit, dass er die Erde für immer verlassen wird. Nachdem er seine Videokamera eingepackt, die letzten Filme und die Proben von Insekten und kleinen Pflanzen beschriftet hatte, verstaute er sein Equipment in der Umhängetasche, schaute sich ein letztes Mal um und bemerkte, dass die Welt trotz allem wunderschön aussah. Leider konnte man die Luft nicht mehr atmen, denn sie enthielt zu viel Kohlendioxid und zu wenig Sauerstoff. Zudem verwüsteten schreckliche Stürme die Städte und das waren die Gründe, warum sich die Menschheit aufgemacht hat zu den Sternen, um eine neue Heimat zu finden. Die Technik, die dazu nötig war, wurde innerhalb weniger Jahre entwickelt, denn die Zeit lief davon. Schließlich wurden riesige Fabriken gebaut, die die Raketen selbst herstellten. Sie waren auf ein festes Ziel programmiert, den 200 Lichtjahre entfernten Planeten Tess-1413c, von dem die Wissenschaftler vermuteten, dass er unserer Welt ähnlich ist. An diesem Ort sollte die Menschheit ihr neues Zuhause finden.

Alex ging durch die gleißende Helligkeit dieses sonnigen Tages in Richtung seines Startplatzes. Er hatte Angst vor dem, was ihn erwartet. Obwohl anscheinend noch keine Rakete verunglückt ist, war es eine Reise ins Unbekannte. Früher sagten die Seeleute: „There will be dragons!“ Sie haben fest damit gerechnet, dass sich hinter dem ungewissen Horizont Drachen verbergen, von denen sie verschlungen werden.

Am Startplatz 105984 stieg er über eine lange, metallisch glänzende Leiter in sein Raumschiff ein, das den Namen „Hyperion“ trug – in nostalgischen Buchstaben stand es an der silbernen Außenwand. Alex stieg durch die Luke und klinkte sich in seinen Platz an. Auf dem riesigen Bildschirm, der in die innere Bordwand eingelassen war, liefen Codes und Statusmeldungen vorbei. Im Hintergrund sah er ein Bild des Startplatzes und die sanfte, synthetische Stimme der KI wies ihn darauf hin, sich auf den Start vorzubereiten, während sich die Bordfenster geräuschlos schlossen. Der Countdown wurde aus psychologischen Gründen schon seit einiger Zeit abgeschafft, um die Anspannung unter den Passagieren zu minimieren.

Schon wenige Sekunden später begannen die Triebwerke zu feuern: der immer stärker werdende Schub der großen Raketenmotoren verlangte Alex alles ab, die G-Kräfte setzten ihm stark zu. Er schaute auf den großen Bildschirm und sah, wie der braune, ausgedörrte Erdboden sich immer weiter entfernte. Die Codes liefen immer schneller über das Display und nach einigen Minuten war es geschafft: die Erdanziehungskraft war überwunden. Alex‘ Tasche versuchte davon zu schweben, doch er fing die wieder ein. Denn in dieser Tasche befand sich nichts Geringeres als der letzte Rest des Vermächtnisses der Menschheit.

Als die Hyperion in der Kälte des Weltalls angekommen war, schaute er zurück. Er sah eine hellbraune, trockene Kugel in der Schwärze treiben. Mehr war nicht übrig geblieben von der Erde. Nachdem die Rakete den Mond passiert hatte, bremste sie ab, und die künstliche Intelligenz konnte nun gefahrlos die Schroedinger Engine aktivieren. Ein leises Summen, das immer hochfrequenter wurde, kündigte den Vorgang an. Durch die plötzliche, gewaltsame Beugung der Raumgeometrie um die Rakete herum fühlte Alex einen gedämpften Schlag. Die Monitore zeigten kurz an: „Distortion In Progress“ und die Erde verschwand vom Bildschirm. Keine Sekunde später war der Vorgang beendet und Alex sah wieder ein Kamerabild.

Tess-1413c, seine neue Heimat, lag vor ihm. Eine wunderschöne, türkisfarbene Kugel mit Ozeanen und großen Landmassen. Mit schneeweißen Wolkenbändern und einer feinen, dünnen Atmosphäre. Weit entfernt strahlte die gelbe Sonne des Muttergestirns mit warmem Lichtschein. „WELCOME  TO YOUR NEW WORLD“ stand in großen Lettern auf dem riesigen Bildschirm.

Im Orbit trieben unzählige silberne Raketen, die genauso aussahen wie die Hyperion. Manche tauchten unter hellen Flammen in die Atmosphäre ein, die anderen warteten noch auf den Eintritt. Alex holte tief Luft und hoffte, dass die Menschen diesmal intelligenter sein würden, keine sinnlosen Kriege anzetteln, die Umwelt erhalten und gemeinsam an einer großartigen Zukunft arbeiten würden. Und er hoffte, dass dort keine Drachen sein werden…

Es war der 21. August 2102. Der Tag, an dem der letzte Mensch die Erde verlassen hat.

 

Zu dieser Kurzgeschichte hat mich das großartige Lied bzw. Video „Alligator Sky“ von Owl City schon seit langer Zeit inspiriert: der letzte Mensch auf Erden, der noch eine Aufgabe zu erfüllen hat, bevor er in eine ungewisse Zukunft startet und die Erde für immer verlässt. Wie hat sie Euch gefallen? Schaut das Video und schreibt mir Eure Kommentare!

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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