Reich-Ranicki hat die Faxen dicke. Ich auch.

Könnt Ihr Euch heute Abend im ZDF anschauen, was gestern Herr Reich-Ranicki bei der Verleihung des „Deutschen Fernsehpreises“ veranstaltet hat. Nun ja, „der darf das“, könnte man sagen. Ist vielleicht auch so. Grotesk ist es trotzdem.

Was mir allerdings vollkommen abgeht, sind solche Kommentare wie dieser hier, den ich im Forum auf wdr.de gelesen habe, und der auf o.g. Begebenheit Bezug nimmt:

Die Kommerzialisierung von kulturellem Gut eliminiert das Besondere und verstärkt das Durchschnittliche. Nun, so ist das nun mal in der Wirtschaft. Um ’ne Menge Geld in Media zu machen, müssen die Sendungen alle ansprechen (von einer kleinen intellektuellen Minderheit mal abgesehen). Bei diesem Prozess verliert diese ganze Industrie ihre Ecken und Kanten und das Endresultat ist ein einfach verdaulicher, jedem schmeckender Hamburger. Mit diesem Problem kämpfen viele kommerzialisierte Bereiche, die eigentlich kulturelle Bereiche sind, z.B. die Universitäten. Je mehr die Universitäten kommerzialisiert werden, je mehr Menschen studieren einzig und alleine für einen Arbeitsplatz um Geld zu verdienen. Wissenschaftler, die für ihre Wissenschaft leben, Poeten die über das Wort träumen, werden immer seltener. Diese Kultur wird nicht mehr gefördert, denn sie ist nicht wirtschaftlich. Persönlichkeiten wie Mozart, Freud und Einstein sind unser Stolz und Kultur nicht Gottschalk. Kultur, wofür?

Bla Bla…

Was diese Dame mit ihren etwas kuriosen Worten ausdrücken möchte, ist mir klar. Aber leider, leider (oder zum Glück?) war es noch nie so, dass die Welt nur aus Feingeistern besteht, die einzig und allein dem Guten, Wahren, Schönen zugetan sind. Und das wird sich auch nie ändern. Denn der Mensch braucht auch Zerstreuung, Entertainment und Dinge, die einen auch mal abschalten lassen, wegen mir auch Atze Schröder & Co.

Also, dieses ganze „nur intellektuelles Getue ist das einzig Wahre“ finde ich dermaßen zum Kotzen. Klar, auch ich schaue mir gerne mal was Anspruchsvolles an, z.B. auf arte, 3sat, Phoenix und lese auch Bücher, die einen Wortschatz von mehr als 5000 Wörtern haben. Aber ich schaue ebenfalls gerne Science-Fiction-Filme, esse gerne mal einen Burger, schaue mir im Kino einen „Blockbuster“ an, mag auch den ein oder anderen Hit aus den Charts.

Sprich, ich bin in medialer Hinsicht eigentlich ganz normal. Und so ein Geschwafel wie in o.g. Zitat bringt mich auf die Palme. Man sollte ja geradezu meinen, die Dame könne nicht selektieren und wäre gezwungen, sich Dinge anzutun, die ihrem Kulturverständnis zuwiderlaufen. Oder aber, sie hätte am liebsten eine Welt, in der alle feingeistig und kulturell verklärt durch die Gegend laufen und nur ja nicht oberflächlich sind.

Hey, wollt Ihr in einer Welt leben, wo jeder ein kleiner Kulturhistoriker ist, man auf Parties Goethe rezitiert und beim Abendessen über die sozialkritische Komponente im Spätwerk Franz Kafkas diskutiert wird?

Mag sein, dass ich das Ansinnen der Dame in den falschen Hals bekommen habe, aber diesen kategorischen Imperativ der selbsternannten Kulturelite werde ich nie akzeptieren.

Ich glaube, ich schaue gleich mal Helge Schneider. Oder den Deutschen Fernsehpreis. Als Gegengift sozusagen.

++ [Kleiner Nachtrag zum Thema Reich-Ranicki – hier]

++ Nachtrag vom 21.10. – aus dem Mund von Thomas Gottschalk (ein ähnlich peinliches Thema betreffend):

„Ich nenne es Überheblichkeit, wenn mir und den Leuten so was madig gemacht wird. [Mich ärgert] die generalistische Ablehnung derer, die sich für so was für zu intelligent halten. Die sollen ihren Schopenhauer lesen und mich in Ruhe lassen!“

Dem kann auch ich nichts mehr hinzufügen. Mahlzeit.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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5 Kommentare

  1. @Retronaut: ja, hast ja recht…trotzdem sind das Meinungen und Befindlichkeiten, wo ich mich echt frage: „von welchem Planeten kommen manche Leute? Und, noch schlimmer: leben die etwa auch auf dem gleichen Planeten wie ich?“

  2. Ruhig Brauner! Ich versteh die ganze Aufregung überhaupt nicht. Wer schwere, dicke Bücher lesen will, soll die lesen. Wer DSDS glotzen will, soll das glotzen.
    Mir persönlich ist doch pups egal ob mich ein Herr Reich-Ranicki oder irgendwelche WDR-Forum-Tante trivial findet. Mit solchen Leuten werde ich sowieso nie im Leben irgendwas zu tun haben.
    Und ganz nebenbei zu Reich-Ranicki: Er beschwert sich so sehr über das Fernsehn, nutzt es aber ganz gut für sich aus. Soll er. Verdient vermutlich auch nicht schlecht damit.

    Ich bin froh, dass dieses Wochenende auch Kuranyi Bockmist gebaut hat, da hat wenigstens auch das gemeine Volk was zum mitreden;)

  3. Also, ich kann mir immer noch aussuchen, wann und ob ich Kultur haben will. Ich muss mir den ganzen Wischiwaschi-Scheiß ja nicht antun, wenn ich nicht will. Klar, es gibt viel Müll, aber den muss ich ja nicht konsumieren.

  4. Dazu sag ich nur:
    ‚Das Publikum beklagt sich lieber unaufhörlich übel bedient worden zu sein, als das es sich bemühte, besser bedient zu werden.‘
    Johann Wolfgang von Goethe, (1749 – 1832)
    :-D
    Und zu Kultur zitiere ich mal:
    ‚Kultur fällt uns nicht wie eine reife Frucht in den Schoß. Der Baum muß gewissenhaft gepflegt werden, wenn er Frucht tragen soll.‘
    Albert Schweitzer, (1875 – 1965)
    ich glaube das war genug geklugscheisst ;-) und es ist auch manchmal etwas schwerer auf Parties bei Musik und Tanzen eine gepflegte Unterhaltung zu führen *gg*

  5. soweit kommts noch auf partys goethe rezitieren^^ aber ein bisschen wahres ist schon dran, sollte man meinen das kultur immer mehr durch medienmacher in vergessenheit gerät. einige werden immer noch in 200jahren aktuell sein, genauso wie andere schon 2tage nach veröffentlichen aus der mode waren

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