Red Light Eine nächtliche Kurzgeschichte

Er zog an seiner Zigarette, die leise knisterte und dabei ein bisschen abbrannte. Der Rauch trieb in die kühle Nachtluft, als er etwas bemerkte; hinten im Wald, auf der anderen Seite des kleinen Flüsschens, das ein Stück entfernt vor dem Haus entlangfloss. Da war ein rotes Licht, mitten zwischen den dunklen Bäumen. Durch die Straßenlaternen am anderen Ufer, direkt an der Straße, hatte er es zunächst nicht gesehen. Er stutzte: seit wann war da ein rotes Licht im Wald? Was war es? Er hatte die Zigarette fertig geraucht, schloss das Fenster und sah sich nochmal kurz um.

Am nächsten Tag erzählte er seiner Frau davon. „Es sieht aus wie ein Grablicht. Aber es ist irgendwie merkwürdig, dass man es so weit entfernt noch so deutlich sieht.“ „Vielleicht ist es ja wirklich ein Grablicht, kann doch sein. Möglicherweise hatte jemand einen Unfall auf der Straße und irgendjemand hat das Licht dorthin gestellt.“

Nachts stand er wieder am Fenster, als es dunkel war. Seine Frau kam dazu. „Siehst du es? Da, mitten zwischen den dunklen Bäumen.“ Er deutete auf die Stelle. „Ja, jetzt sehe ich es. Viele Grablaternen brennen nur 3 Tage, und wenn es eine ist, dann müsste sie übermorgen ausgegangen sein.“ „Irgendwie sieht das friedlich aus, finde ich. Ein kleiner roter Punkt im Dunkeln.“ „Ja, das stimmt. Es sieht friedlich aus. Und tröstlich.“

In der nächsten Nacht war es sehr neblig, weil es den ganzen Tag über geregnet hatte und die Feuchtigkeit langsam aus den Wiesen stieg. Er sah die Lichter der Straße und die Silhouetten der Bäume und Häuser nur schemenhaft. Doch der kleine rote Lichtschein im Wald war auch heute Nacht gut erkennbar. Wie jeden Abend nahm er eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und blies den Rauch in den Nebel vor dem Fenster. „Das ist jetzt schon die dritte Nacht, in der ich das kleine rote Licht sehe. Ich werde vielleicht nie erfahren, was das ist.“, dachte er.

Ein weiterer Tag verging, und nachts stand er wieder am geöffneten Fenster und schaute. Ein kühler Abendhauch drang in das Zimmer. Die Lichter der Straße leuchteten, die Nacht war still. Ein Auto fuhr langsam vorbei, ganz leise, in Richtung des Nachbarortes. Als er sich in der Dunkelheit umsah, war das kleine rote Licht nicht mehr da. Drei Tage waren nun vergangen. „Viele Grablaternen brennen nur 3 Tage“, hörte er die Worte seiner Frau im Kopf. „Schade“, dachte er, „ich hatte mich schon an diese rote Laterne gewöhnt. Ob jemand eine neue anzünden würde?“.

Und da fiel ihm auf, dass noch etwas fehlt. Der Hund, der ihm mit seinem nächtelangen Gebell oft auf die Nerven gegangen ist. Er hörte ihn nicht mehr. Seit nunmehr vier Tagen war es still. Nur der kleine Fluss gurgelte und plätscherte leise in der Nacht.

Traurig schloss er das Fenster und ging ins Bett.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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2 Kommentare
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Henning Uhle

Hallo Martin,

was für eine fantastische Kurzgeschichte mit einem traurigen Ende. Danke dafür. Ich lese solche kurzen Sachen immer mal wieder gern.