Gerrit van Hodendaal oder: Wie wir zu einem echten Kunstwerk kamen Die wundersame Vernissage und der grüne Leichenwagen

Gerrit van Hodendaal – diesen Namen hatte ich bis vor kurzem noch nicht auf dem Schirm, obwohl ich mich mit konstruktivistischer Kunst recht gut auskenne. Aber nachdem wir letzten Samstag Abend eher zufällig in eine Vernissage in Bochum gestolpert sind, weil wir durch die Tür nette Leute und leckere Häppchen sahen :-), sind Ina und ich begeistert von ihm.

Gerrit und seine Kunst

Gerrit Van Hodendaal

Das ist ja das Coole bei Vernissagen und Austellungen, die im kleinen Rahmen stattfinden – man kann einfach reingehen, sich mit netten Leuten unterhalten und im besten Fall richtig tolle Künstler hautnah erleben. Nachdem wir uns also eine Zeitlang umgesehen, direkt ein nettes Paar kennengelernt und einige der leider ziemlich geilen Häppchen (das Catering war von Revierkönig Bochum) vertilgt hatten, lernten wir den Künstler eher zufällig kennen, denn wir wussten ja nicht, wie er aussieht. Und bei den anwesenden Gästen hat man sowieso keinen Überblick.

Als mein Sektglas leer war, fragte unvermittelt jemand, ob er nachfüllen solle. „Na klar, gerne!“, sagte ich. Wo wir denn herkämen, fragte der Herr, während er mein Glas auffüllte. „Aus der Nähe von Köln, aus Overath“, sagte Ina. „Ach, in Köln hängt eine Installation von mir, im Museum für Angewandte Kunst.“ Klar, spätestens jetzt wussten wir, dass uns der Künstler hier persönlich reinen Sekt einschenkte! Und so kamen wir schnell sehr nett ins Gespräch.

Gerrit hat vor 23 Jahren Kunst in Utrecht/NL studiert und ist Mitbegründer der Bewegung „Nieuwe Stijl“, die sich an den vom Bauhaus geprägten Kunstwerken von „De Stijl“ aus den 20er-/30er-Jahren orientiert und diese neu für das 21. Jahrhundert definiert. Er war damals in einer Meisterklasse zusammen mit den Konstruktivisten Pieter Langstijl, Anna de Smegmaar und Harald „Harry 3000“ Heijn-Achtersamen, von denen ich tatsächlich schon irgendwann mal gehört hatte.

Gerrits Kunst ist streng, hyperminimalistisch und an den aktuellen Retro-Dekoratismus angelehnt. Genau mein Ding, denn ich mag auch Werke von Kandinsky, Brunsky-Mosh und Mondrian, die ebenfalls klar und stringent sind und eine imperative Aussage haben.

Fluktus 38 in Neongrün. What the fuck..?

Eine Hängeskulptur, die er mangels Platz in der kleinen Kunstgalerie (Studio Notgroschen, Bongardstraße 8 in Bochum) nicht passend inszenieren konnte und die eher unbeachtet in einer Ecke stand, weckte unser Interesse. Obwohl kein bisschen neongrün darin vorkommt, heißt sie „Fluktus 38 in Neongrün“. Darauf angesprochen, sagte er lachend: „Ach, ihr kennt doch vielleicht den Fluxus, das war mir aber zu langweilig. Die Dadaisten haben es richtig gemacht, die haben ihrer ganzen Kunst merkwürdige Namen gegeben. Aus dem Fluxus wurde bei mir ein Fluktus, und naja, eine Farbe, die garantiert nicht verwendet wird. Und weil ich die Skulptur am 38.03.2020 fertiggestellt habe, taucht auch die 38 darin auf.“

Ich freue mich immer, wenn ein Kunstwerk formal harmonisch aussieht. Ob es ein Foto ist, ein Gemälde oder was-auch-immer. Die Proportionen und Farben müssen ansprechend sein, dann wirkt es auch wohltuend auf die Augen und die Psyche. Denn obwohl der „Fluktus 38“ sehr einfach aufgebaut ist, ist er perfekt, denn er wirkt sehr harmonisch, in sich abgeschlossen und heutig. Da wir noch eine Ecke im Wohnzimmer frei hatten, überlegten wir, ob wir uns dieses schöne Kunstwerk zulegen sollten. „Bestimmt viel zu teuer“, sagte Ina. „Fragen wir doch mal!“, sagte ich. Also sprach ich Gerrit an.

„Wollt ihr den haben? Was seid ihr denn bereit auszugeben?“. Keine Ahnung, wir haben noch nie ein Originalwerk gekauft; ich weiß nur, dass die utopische Preise haben können. Ich machte ihm einen Preisvorschlag. Er lachte: „Okay, ich habe mich so toll mit euch unterhalten, ihr seid endlich mal vernünftige Menschen. Wenn ich mir so manche Leute anschaue, die heute auf die Vernissage gekommen sind, seid ihr echt noch die normalsten!“, sagte er mit einem leichten niederländischen Akzent (er lebt seit 2001 in Köln). Und hat uns einen Preis genannt, bei dem wir nicht Nein sagen konnten!

Leider war das Werk viel zu groß, um es gefahrlos im Auto transportieren zu können, und so bot er uns an, uns am nächsten Tag zu besuchen und es vorbeizubringen. Wer hätte das gedacht…

Echte Kunst im Wohnzimmer

Einen Tag später, also Sonntag, kam er dann tatsächlich nachmittags bei uns vorbei. Was auch eine ziemlich krasse Sache war, denn er fährt einen hellgrünen (!) Mercedes-Leichenwagen (!!) mit offener Ladefläche (WTF?!!). Unsere Vermieter waren draußen im Garten und machten ähnlich große Augen wie wir. Jo, Künstler eben – bekloppt, aber verdammt cool.

Nachdem Gerrit das Teil von der Ladefläche genommen hatte, brachte er es uns in die Wohnung. Über dem Le Corbusier-Sofa sollte es angebracht werden, und so haben wir alle gemeinsam zu Bohrmaschine, Dübeln und Haken gegriffen, um es anzubringen (unser Nachbar war nicht begeistert, aber den können wir sowieso nicht leiden – von daher: egal!). Tja, und da hing es dann. Und es sieht genial aus! Gerrit hat sogar das provisorische Galerie-Schild mitgebracht, das jetzt neben dem Kunstwerk angebracht ist.

Je nach Beleuchtung wirft die Skulptur Schatten und einzelne Teile werden plastisch hervorgehoben – das geht hin bis zum hyperakzentuierten Skeuomorphismus. Wir legen großen Wert auf Lichtdesign, weil damit die Wirkung eines Raumes modelliert werden kann. Ich bin begeistert, wie Licht und Schatten tiefe Texturen entstehen lassen, insbesondere wie dadurch die Skulptur materialistisch und kraftvoll ausgeleuchtet wird. Seht selbst:

 

Wir tauschten bei einer Tasse Kaffee und einer Kleinigkeit aus dem Coffeeshop seines Vertrauens 🙂 noch unsere Kontaktdaten aus und er lud uns herzlich ein, mal in seinem Atelier in Köln vorbeizuschauen oder ihn im Atelier vom „Nieuwe Stijl“ in Utrecht zu besuchen. Das werden wir auf jeden Fall machen, sobald es die Corona-Situation zulässt und wir wieder gefahrlos ins Nachbarland fahren können.

Am späten Nachmittag fuhr Gerrit dann mit seinem „Groene Stijlmobil“ wieder von dannen und wir konnten immer noch nicht glauben, dass wir jetzt ein richtiges, originales Kunstwerk an der Wand hängen haben, das vielleicht mal richtig was wert ist (oder auch nicht), aber definitiv toll aussieht. Und vom Künstler persönlich aufgehängt und auf der Rückseite signiert wurde.

Informiert Euch doch mal im Netz, wo und wann interessante Vernissagen oder Ausstellungen stattfinden. Einfach mal googlen – es lohnt sich! Man kann geniale Schnäppchen machen oder einfach nur einen netten Abend verbringen und seinen Horizont erweitern. Als Alternative zu einem Wochenende mit Chips und Netflix auf jeden Fall eine tolle Sache, an die man sich noch lange erinnert. Und wenn man sich mit dem Künstler gut versteht, ist vielleicht auch das eine oder andere Stück zum vernünftigen Preis zu haben.

Wie hat Dir dieser Artikel gefallen? Bewerte ihn jetzt!

Durchschnittliche Bewertung / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut mir leid, dass Dir der Beitrag nicht gefallen hat.

Lass mich wissen, was ich verbessern kann!

Was kann ich verbessern?

Willst Du benachrichtigt werden, wenn es neue Artikel gibt? Abonniere den Newsletter!

Dieser Service ist DSGVO-konform - Deine E-Mail-Adresse wird zu keinem Zeitpunkt an Dritte weitergegeben und Du kannst Dich jederzeit abmelden. Den Link dazu findest Du in jedem Newsletter, den Du erhältst. Die Datenschutzerklärung findest Du rechts in der Sidebar.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.
guest
1 Kommentar
Inline Feedbacks
Alle Kommentare laden
GerritVDH

Danke für euere Review! Es hat sehr großen spass gemacht und es ist mir eine Freude dass es euch so gut gefällt! Gerrit