Gedenket der Toten Die toten Blogs oder: Warum das Bloggen nicht mehr das ist, was es einmal war

A long long time ago
I can still remember how
That music used to make me smile
And I knew if I had my chance
That I could make those people dance
And maybe they’d be happy for a while


– Don McLean, American Pie

 

Verdamp lang her, verdamp lang
Verdamp lang her
Verdamp lang her, verdamp lang
Verdamp lang her


– BAP, Verdamp lang her

Es war vielleicht eine andere Zeit. Eine andere Welt. Klar, der 11. September war schon Geschichte, nichts war mehr wie früher. Aber trotzdem hat man sich noch die Mühe gemacht, zu schreiben. Seine Gedanken und Gefühle der Welt mitzuteilen, abseits von finanziellen Interessen und Werbung. Sprich: man hatte ein Blog, man las Feeds, man kommunizierte mit anderen Bloggern. Heutzutage sieht es etwas trostlos aus, wenn man nach seinen Weggefährten von damals sucht. Viele sind mir gar nicht mehr eingefallen, ich musste erst nachschauen. Zum Glück gibt es die Way Back Machine von archive.org: die katalogisiert das WWW über viele Jahre in unregelmäßigen Abständen und erstellt Snapshots von allem, was ihr so begegnet. Wenn Du also mal eine Seite besuchen und sehen möchtest, wie sie beispielsweise  im Jahr 2009 ausgesehen hat, dann erlaube Dir einfach mal den Spass.

Mein Blog vor 10 Jahren

Es war ein schönes Blog, mit einem hübschen Design. Ich war gerade mal 41 Jahre alt. Da wurde noch gefriemelt, PHP-Code geschrieben, Plugins getestet, Themes bearbeitet. Bis alles so aussah, wie es sollte. Schaut mal, so sah mein „Magazin für das 21. Jahrhundert im Stil der 70er“ aus. Aber mein Blog gibt es schon viel länger, ich habe es 2004 begonnen. Damals mit ganz viel Unsinn (aus heutiger Sicht).

Es hat große Freude gemacht, sich alles selbst zu erarbeiten. Es gab ein wechselndes Bild oben rechts (wurde mit jedem Seitenbesuch geändert. Und das waren echte, gescannte Bilder aus einem alten Buch.) Es gab Aktionen zum Mitmachen, bei denen auch wirklich Blogger und Kommentatoren mitgemacht haben. Interaktiv war das alles, mit viel Begeisterung. Ich hatte damals ein richtig cooles Blogdesign, basierend auf einem damals schon alten, unmodernen Theme, das fast nichts konnte, aber es sah verdammt chic aus. Auf Smartphones allerdings nicht zu gebrauchen.

Ich habe irgendwann die Lust am Bloggen ein bisschen verloren. Jetzt habe ich sie wiederentdeckt. In der Zwischenzeit hatte ich verschiedene, merkwürdige Blogdesigns ausprobiert, aber es war keine Leidenschaft dahinter. Seit ca. einer Woche habe ich wieder Zeit und Lust gefunden, mir Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll: mit einem reduzierten, übersichtlichen Design, das den Designrichtlinien von Dieter Rams und Otl Aicher folgt. Zumindest rede ich mir das ein, aber ich denke, meine Motivation ist erkennbar: klar, prägnant, einfach zu verstehen, gut navigierbar, responsiv. Ich denke, dass man man mit einem vernünftigen responsiven Design auch Blogs in die Smartphone-Ära retten kann. Zum Glück bieten die meisten Themes eine responsive Darstellung an. Auch ich konsumiere die meisten Inhalte über das Smartphone, und da sollte die Darstellung stimmen.

Was ist aus meinen alten Blogfreunden geworden? Eine Spurensuche.

Früher hatte ich eine Blogroll und einen Austausch zwischen den Menschen, die ich über mein Blog kennengelernt habe. Die kommentiert haben, die mitgemacht haben. Mit Aktionen wie Blogwichteln, „Your Winter Wonder Toilet“ und sogar richtigen, realen Bloggertreffen. Besonders cool war das mit der Chikatze in Düsseldorf. Eine tolle Zeit war das damals.

Ja, ich weiß, es war ’ne geile Zeit
Uns war kein Weg zu weit, du fehlst hier
Ja, ich weiß, es war ’ne geile Zeit
Hey, es tut mir Leid, es ist vorbei
Es ist vorbei, es ist vorbei


– Juli, Geile Zeit

Jetzt ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme, um zu schauen, was aus den Blogfreunden geworden ist. Die ernüchternde Antwort vorab: es sind kaum noch welche übrig. Viele alte, große Blogs sind entweder verwaist oder es gibt sie nicht mehr. Einige wenige existieren noch. Ich stelle Euch jetzt mal ein paar meiner Freunde von damals vor.

Die Chikatze. Eine Bloggerin aus Düsseldorf, die einen wirklich großen, privaten Blog hatte, mit vielen Besuchern. Da war immer was los, hier gab es auch das legendäre Blogwichteln zu Weihnachten. Und das Chitime-Bloggertreffen. Irgendwann wurde es still um Frau Chikatze. Sie hat einfach nichts mehr geschrieben, jetzt gibt es die Domain nicht mehr.

Miss Mausz. Internet-addicted, musiksüchtig und eine echt nette Person. Die Domain gibt es auch nicht mehr.

Dat-Spielkind. Elke hatte ihr Hobby, die Fotografie, gefunden. Außerdem hatte sie noch Max und Neo, ihre Miezen. Und wer sich für LowCarb interessierte, bekam immer wieder neue Tipps. Die Domain existiert nicht mehr, ich weiß nicht, was aus Elke geworden ist.

Gertrude. Gertrudes Blog gibt es noch, auch mit aktuellen Inhalten. Teilweise kontroverse Themen, aber interessant.

Flying Thoughts. Verena hat sich über die vielen Jahre wacker gehalten, ich habe sie auch immer noch abonniert. Sie bloggt von ihrem Studium, von Büchern, Fotos und Kunst. Ein sehr schöner privater Blog mit viel Leben.

From Sara with love. Die liebe Sara, die einst aus dem hohen Norden nach Berlin migriert ist. Begnadete Magierin und seit einigen Jahren Mutter. Leider auch nicht mehr viele Lebenszeichen von ihr, ganz selten postet sie mal auf Instagram. Ihre Domain ist mausetot.

Gillys Blog. Ein ganz merkwürdiger Fall. Einst ein großes Blog mit viel interessantem Content, aber ich habe eben mal nachgeschaut: man bekommt nur noch weiße Seiten ohne Inhalt. Gilly habe ich mal interviewt, ein sehr sympathischer Kerl. Was ist geschehen?

Die Kochschlampe. Zumindest für mich eine Institution. Ein gemeinschaftliches Blog aus Hamburg, Berlin und Zürich. Die Kochschlampe sowie der GroeFaZ de la Cuisine und das Zitronencurry berichteten über missglückte Kuchen und über perfekte Festessen. Genial geschrieben, anarchisch, super-sympathisch. Die Domain ist nicht mehr vorhanden. Ein Jammer.

Retropa. Der Retronaut fühlte sich dem Leben in den 70ern und 80ern verpflichtet, hatte immer das Passende aus unserer Kindheit in Wort und Bild parat und war eine Fundgrube für Dinge, die man zu Unrecht vergessen hat. Er hat leider sein Blog mit Ansage geschlossen, das ist schon ein paar Jahre her. Ich vermisse ihn und seinen bunten 70er-Content, der mir immer gut gefallen hat.

Rabenchaos. Das ist meine Cousine Silke. Sie hat es geschafft, ihren Blog fast genauso lange am Leben zu erhalten wie ich meinen. Dabei hat sie immer wieder mal etwas Neues ausprobiert. Eine Zeitlang war auch mal Funkstille – wie bei mir. Aber jetzt hat sie wieder Spass an der Sache, genau wie ich.

Plerzelwupp. Seine ausführlichen, perfekt recherchierten Artikel zu Themen rund um’s Bloggen, das Web und die legendären Scherzschreiben waren mehr als nur eine Empfehlung wert. Und wenn es um das Thema “Blogroll” ging, war Oliver seinerzeit eine Koryphäe. Sein Blog ist heute nicht mehr vorhanden – schade…

CIMDDWC. Hey, Andreas gibt’s auch noch, ich freue mich. Muss mich mal wieder einlesen. Aber cool!

Wawuschel. Auch diese Dame existiert noch in digitaler Form, eine echte Entdeckung. Ach, ich werde in nächster Zeit wieder mehr entdecken, habe ich mir vorgenommen! Hey Wawuschel, schön, dass es Dich noch gibt!

Und an alle, die ich nicht erwähnt habe: sorry, das ist nicht böse gemeint. Es hätte nur den Rahmen dieses Artikels gesprengt. Auch Ihr seid und wart mir eine Menge wert, liebe/r DarkVamp, Delijo, MKH, Moni, Hartmut, Melli, Aquiii, Danyo und Fool For Food.

Welche Blogs liest Du? Liest Du überhaupt noch Blogs? Was denkst Du über die Zukunft des Bloggens – wird das eine immer einsamere Veranstaltung oder hat es immer noch seinen Platz im Netz? Erzähl‘ mir, was Du denkst!

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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2 Kommentare
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pamelopee

Ich kämpfe definitiv weiter an der Blogfront und gebe mich nicht so schnell geschlagen.
Zu danken ist das auf jeden Fall so tollen Kommentaren wie meinem zum Blogsterben.
Wenn ich das Gefühl habe, noch gelesen zu werden, bestärkt mich das, da weiterzumachen, wo ich vor vielen Jahren mal angefangen habe.
Und ich freue mich zu lesen, dass du wieder Lust zum Schreiben hast. Auf jeden Fall weiter so!
Das Internet ist doch soviel mehr, als nur ein paar kurze Bilder auf Instagram oder ein schneller Tweed.

Ganz liebe Grüße vom pamelopee-Blog schickt dir Pamela