Der Schlaganfall. Die Chronik meiner Mutter. Teil 1.

Am 12.11.2012 erlitt meine Mutter einen schweren Schlaganfall. Man muss wissen, dass ich ganz ohne Vater aufgewachsen bin und meine Mum somit meine einzige Bezugsperson war. Nicht immer eine einfache, aber immer eine Person, auf die ich mich verlassen konnte und die alles im Griff hatte. Und wir hatten trotz mancher Meinungsverschiedenhaiten immer ein sehr gutes Verhältnis.

Meine Mum - 1 Jahr vor dem Schlaganfall

Meine Mum – 1 Jahr vor dem Schlaganfall

Seit meine Katze starb – die nachher auch die Katze meiner Mutter wurde – ging es mit der Gesundheit meiner Mum bergab. Sie hatte immer schon sehr gelitten, wenn liebe Personen gestorben sind und neigte zu Depressionen. Ich hatte da auch schon mal einen Artikel zu geschrieben. Aber mit dem Tod von Meus, die sie wirklich liebte, ging es bergab: Herzrhythmusstörungen, ein kleiner Schlaganfall, Diabetes etc. Manch einer hat damals gesagt: „die soll sich doch nicht so anstellen, das ist doch nur ein Tier gewesen!“ Aber sie hat sich „angestellt“, weil sie eben nicht anders konnte. Und darüber ist sie wahrscheinlich krank geworden. Stichwort: psychosomatisches Leiden.

Die Jahre von 2010 bis 2012 waren geprägt von Medikamenten, Arztbesuchen, aber auch einem relativ normalen Leben, das sie alleine und ganz normal gestaltete. Und dann kam der 11.12.2012. Ich hatte den ganzen Tag versucht, sie anzurufen, aber sie ging nicht dran. Kein Problem, denn oft war sie in Koblenz unterwegs, ging in’s Kino oder einkaufen. Als ich sie dann nach Feierabend auch nicht erreichte, wurde ich stutzig. Dann kam der Anruf von ihren Nachbarn: „Bei Deiner Mutter brennt Licht im Esszimmer, die Zeitung liegt vor der Tür und sie reagiert nicht auf’s Klingeln.“ Oh Gott!

Ich fuhr schnell hin – es sind nur 4 Kilometer – und schloss gemeinsam mit den besagten Nachbarn die Tür auf. Ich ahnte, dass irgendwas oberfaul ist, aber das war ein Schock: meine Mutter saß in der Diele, schaute starr nach rechts, konnte kaum sprechen und war mit ihrem Schlafanzug bekleidet. Sofort wusste ich: das war ein Schlaganfall! Sie wollte morgens aufstehen, fiel hin und bewegte sich irgendwie in Richtung Flur, denn sie wollte „doch nur auf’s Klo gehen“. Nicht realisierend, was da vorgefallen war, saß sie 10 Stunden da… Das Klingeln der Nachbarn hatte sie zwar gehört, konnte sich aber nicht bemerkbar machen.

Nachdem wir den Krankenwagen alarmiert hatten, ging es in das Brüderkrankenhaus in Koblenz, die eine sog. „Stroke Unit“ für Schlaganfallpatienten haben. Aber nach 10 Stunden sind die Schäden leider irreversibel.

Verzweiflung - ich im Krankenhaus

Verzweiflung – ich im Krankenhaus

Ich war die ganze Nacht im Krankenhaus; war dabei, wie sie untersucht wurde. Meine Mutter war linksseitig gelähmt, aber vollkommen klar im Kopf. Und das sollte sie auch noch sehr lange bleiben.

In den kommenden Wochen blieb sie dort und wurde wirklich liebevoll versorgt – von Schwestern und Pflegern, die ihren Job gerne machen und sich rührend um die Patienten kümmern. Ich fuhr fast jeden Tag hin, wusch Wäsche, kaufte ihr Schlafanzüge, war für sie da. Anfangs konnte sie nur im Bett liegen, irgendwann wurde sie in eine Art Stuhl geschnallt und konnte aufrecht sitzen. Dann wurden erste Gehübungen gemacht. Und danach ging es in die Reha nach Vallendar.

Während der ersten Tage nach dem Schlaganfall hatte sie immer sehr viel Durst. Und ich konnte ihr Wasser nur mit dem Teelöffel geben. Das war so traurig, dass ich meine Mutter so sehen musste. Ich habe oft an ihrem Bett gesessen und geweint. Geweint, weil ein Leben mit meiner Mutter irgendwie zuende ging. Es war eine andere Zeit angebrochen. Eine schlimme, merkwürdige, traurige. In den ersten Tagen saß ich da, hielt ihre Hand und die Tränen kullerten über mein Gesicht während ich heulte wie ein Schlosshund. Das hat sie aber nicht richtig mitbekommen und fragte: „Warum lachst Du?“ und ich sagte: „Mama, ich weine. Um Dich.“ Dann drückte sie meine Hand und sagte: „Oh je, das tut mir Leid, dass ich Dir das antun muss.“

Ich schreibe bald weiter. Bitte lest mit. Ich muss es mir einfach von der Seele schreiben. Und ich würde mich freuen, wenn Ihr bei mir seid.

Über Martin

Ich bin der Chefredakteur des Loft 75, dem "Magazin für das 21. Jahrhundert im Stil der 70er". Geboren 1969 in einem kleinen Ort im "Welterbe Oberes Mittelrheintal", somit > 40 Jahre alt und gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert und besitze auf jeden Fall eine kreative Ader, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und jetzt wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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8 Kommentare

  1. Ich werde weiterhin aufmerksam mitlesen. Du bist nicht allein.

  2. Hallo Martin, ich lese auch mit und bin in Gedanken bei Dir. Ein solches Ereignis ist kaum in Worte zu fassen. Trotzdem ist es gut, dass Du alles niederschreibst, das hilft bestimmt ! Ich denke noch gerne an die schönen Silvesterfeiern zurück.

  3. Hallo Sascha und Jürgen. Vielen Dank, dass Ihr mitlest. Ich möchte mir das Ganze einfach von der Seele schreiben; auch, damit ich mich später noch daran erinnern kann.

    Meine Mum ist inzwischen tot, sie ist am 16.02.2014 um 10.00 Uhr verstorben, aber das wisst Ihr ja. Trotzdem schreibe ich die Chronik der Ereignisse nach dem Schlaganfall weiter.

  4. Hallo Martin, ich fühle mit dir. Und von der Seele schreiben hilft. Nach dem Tod meines Sohnes habe ich sogar ein Buch geschrieben und konnte alles auf diesem Wege gut verarbeiten. Ich hoffe, es hilft dir auf die gleiche Weise. Aus aktuellem Anlass habe ich heute deine Einträge hier gefunden und würde auch gern weiter lesen, denn meine Mutter hatte letztes Jahr einen schweren Schlaganfall – auch linke Seite gelähmt. Aber schlimmer noch als das geht es seit dem einfach berg ab. Heute stellte sich heraus, das sie wahrscheinlich einen brustwirbel gebrochen hat. Vermutlich durch Osteoporose. Sie hat unglaublich starke schmerzen und ist durch die vergangenen Monate und die viele Operationen sehr geschwächt. Sie ist erst 69. Nun liegt sie wieder und darf sich nicht bewegen. Es ist so traurig und man fühlt sich so hilflos. Es ist mal wieder schwer zu sehen was ein Mensch alles ertragen kann und muss. Und allein all die Ereignisse der letzten Monate wären es wieder Wert aufgeschrieben zu werden. Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft für dein Leben und Heilung für deine Trauer.

    • Liebe Petra, vielen Dank für Deinen Kommentar. Leider kommt bei so einer einschneidenden Krankheit vieles zusammen. Ich habe diesen Satz jetzt schon dreimal neu angefangen und immer dachte ich „Bullshit! Das kann man nicht schreiben!“

      Deshalb wünsche ich Dir an dieser Stelle einfach nur alles Gute und wünsche mir, dass Du Freunde und vielleicht auch Verwandte hast, auf die Du zählen kannst.

      Für mehr fehlen mir momentan die Worte…

  5. Lieber Martin, mehr solltest du auch gar nicht schreiben. Es freut mich, dass du überhaupt ein paar persönliche Worte gefunden hast. Ich kann mir ja gut vorstellen wie es dir geht.

    Ich wünsche dir von Herzen Kraft und Zeit alles gut zu verarbeiten. Liebe Grüße Petra

    • Liebe Petra, ich schreibe die Ereignisse auch für mich auf. Möge es anderen Lesern Einblicke geben, aber auch für mich mache ich das. Es ist die Chronologie der Ereignisse, die ich festhalten möchte. Ein letzter Teil fehlt noch. Dann habe ich wahrscheinlich meinen Frieden gefunden. Irgendwie.

      • Ich wünsche es Dir!!! Mir hat das Aufschreiben sehr geholfen alles zu verarbeiten und ich bin sehr stolz auf das fertige Buch. Schön, dass du es hier veröffentlichst.

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