Euphemismen

Wisst Ihr, was ein „Euphemismus“ ist? Wenn nein, dann kläre ich Euch mal auf.

Das ist nicht anderes als eine hübsche Umschreibung für einen überaus unangenehmen Sachverhalt. Zum Beispiel würde der Satz „ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“ einen Euphemismus darstellen, wenn man gerade am Marterpfahl hängt. Denn man umschreibt eine zutiefst unangenehme Sache relativ neutral, obwohl die Rahmenbedingungen extrem beschissen sind.

Ich bin in einem Schreiben der „Bundesagentur für Arbeit“ (das ist bereits ein Euphemismus! – wir reden hier vom ehemaligen Arbeits„amt“!) sehr euphemistisch per Post auf Folgendes hingewiesen worden:




Einladung (→ wie nett! Ich werde eingeladen! Juchu! Kuchen? Kerzen? Party?)

Sehr geehrter Herr S., (→ warum ist man als Normalsterblicher eigentlich „sehr geehrt“?! Ich bin doch keine japanische Gottheit)

bitte (→ hui, sehr freundlich) kommen Sie am 13.03.2009 um 09.45 Uhr in die Agentur für Arbeit Koblenz.




Jeder, der schon mal ein solches Schreiben erhalten hat, weiß, was passiert, wenn man nicht das tut, was die „Agentur“ in überaus netten Worten anfragt. Nämlich drakonische Maßnahmen verhängen, die normalerweise in’s Geld gehen. Ist ja auch OK, aber warum schreiben die nicht einfach:




Vorladung

Herr S., wir teilen Ihnen lt. § 111 SGB mit, dass Sie am 13.03.2009 bei Herrn W., Zimmer 123, in der Agentur für Arbeit, Koblenz, vorstellig werden müssen. Nehmen Sie zur Kenntnis: ein Nichterscheinen führt zur sofortigen Leistungskürzung.“



Wäre doch viel ehrlicher – wenngleich unpersönlicher. OK, ich möchte auch nicht so abgespeist werden, aber diese honigsüßen Formulierungen nerven doch auch, wenn’s an’s Eingemachte geht. Oder?

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin oft kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohne ich am Mittelrhein. Und ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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6 Kommentare

  1. hehe, lustig geschrieben :mrgreen: naja, Beamten halt, die können einfach nie Tacheles reden

  2. Weil den 2. Satz keiner checken würde. 😉 Sowieso schneiden sich die Argen da doch selbst ins Fleisch. Lieber den Leuten nicht dirket sagen, dass das ALG2 gekürzt werden kann und hoffen, dass sie nicht erscheinen 😉

  3. @Moni: doch, wenn man der „Einladung“ nicht nachkommt – ab dann wird’s sogar sehr sachlich 😉

    @Nadine: So habe ich das noch gar nicht gesehen…hmmm… Also möglichst einen auf freundlich und unverbindlich machen und dann zuschnappen, wenn’s lediglich als nette Überraschungsparty ohne Kostümzwang aufgefasst wurde…

  4. Ist doch nett dieses Schreiben!
    Sehr geehrter Herr Martin, bla bla.
    Klingt schon so Amtlich, wir in Österreich auch verwendet.
    Da werde ich immer hellhörig bei solchen Briefen…

  5. Also ich wusste nicht (mehr), was Euphemismen sind, wenngleich ich mich tagtäglich dabei ertappe, sie anzuwenden. Doch dank dieser köstlichen Beschreibung wurde ich wieder etwas schlauer.

  6. @Gertrude: Und wieder haben Österreicher und Deutsche was gemeinsam, auch wenn’s in diesem speziellen Fall nur die Förmlichkeit ist, Frau Geheimrätin 😀

    @plerzelwupp: Euphemismen sind was Feines. Man kann den beschissensten Sachverhalt in ein hübsches kleines Missgeschick verwandeln – und das hat echt Stil 😉

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