Elektronische Nächte Modems, Netscape und die neue Welt der grenzenlosen Kommunikation

1994. Ein total verregneter Abend (eigentlich hatte es schon tagelang in einem fort geregnet und das Hochwasser stieg immer weiter), als ich mit meiner Mutter das Gäste-Klappbett, das es in einem Warenhaus im Koblenzer Gewerbegebiet im Angebot gab, kaufen wollte. So ganz nebenbei fiel mein Blick dabei auf ein Modem, das dort für einen günstigen Preis im Regal lag – eines dieser sagenumwobenen Geräte, mit denen man sich wohl irgendwie per Telefonleitung in alles Mögliche einwählen konnte (Aber was? Egal, war jedenfalls spannend!). Also wurde nicht nur das Gästebett in den Einkaufswagen gelegt, sondern auch das Modem. Und damit begann alles.

14.400 Baud und der Einstieg in eine neue Welt

Zuhause angekommen, stöpselte ich das Gerät per seriellem Kabel in meinen 486SX-Tower mit ganzen 4 MB Arbeitsspeicher und einer 256 MB (ja, wir reden von Megabyte, nicht Gigabyte!)-Festplatte, auf dem Windows 3.1 installiert war. Das andere Ende musste jetzt nur noch mittels des beigelegten Kabels mit der Telefondose verbunden werden. Und dann ging es auch schon los!

So etwas wie Plug-and-Play oder automatische Geräteerkennung gab es damals noch lange nicht; jedes Gerät, das an den Computer angeschlossen wurde, musste manuell eingerichtet werden. Entweder mithilfe einer Treiberdiskette oder über die Systemsteuerung von Windows, was aber auch nur als rudimentär bezeichnet werden konnte. Und überhaupt, vieles ging damals noch über die DOS-Oberfläche. USB-Anschlüsse waren noch lange nicht erfunden, aber das war in diesem Fall egal, denn es gab ja die COM-Schnittstelle. Und entsprechende Programme, die über diese Schnittstelle direkt mit dem angeschlossenen Gerät kommunizieren konnten.

So sah das damals bei Windows 3.1 aus.

Auf der beigelegten Diskette war ein kostenlos nutzbares Terminalprogramm, das man mittels Kopieren in ein Verzeichnis der Wahl ruckzuck auf der Festplatte hatte. In diesem Terminalprogramm war ein Beispiel-Eintrag vorhanden namens „Info-Board Heinsberg“. Wie genau ich es mangels grundlegender Kenntnisse über Modems und Datenfernübertragung hinbekommen habe, mich dort einzuwählen, weiß ich leider nicht mehr (ist ja auch immerhin 27 Jahre her), aber ich habe es schließlich geschafft. Das Modem rauschte, tönte, fiepte, machte mehrmals „plong plong“ und dann baute sich auf meinem 14 Zoll-Röhrenbildschirm zeilenweise ein Bild auf, das irgendwie nach Videotext aussah. Kinners, was war ich geflasht! Denn jetzt war ich…ONLINE! In einer verregneten Nacht im Jahr 1994…

Das FIDO-Netz: DFÜ-Anarchie

Lange bevor das World Wide Web – oder, wie wir heute fälschlicherweise sagen, „das Internet“ – populär war, gab es etwas anderes, nämlich die sogenannten Mailboxen. Das FIDO-Netz und das MAUS-Netz – die beiden großen Mailboxsysteme – waren schon damals reichhaltig mit Informationen, Kochrezepten und Nachrichten gefüllt, boten Chats und Diskussionen und ganz sicher auch eine Menge Schweinkram. Man suchte sich ein Mailboxsystem aus, das man sympathisch fand und die Inhalte bereitstellte, für die man sich interessierte. Der Nachteil war nur, dass man sich den ganzen Kram nicht herunterladen konnte, sondern für teuer‘ Geld während der Online-Sitzung anschauen musste. Denn damals gab es noch keine Telefon-Flatrates, somit konnte das Stöbern in einer Mailbox richtig ins Geld gehen. Abhilfe schaffte man, indem man bei der Mailbox lieb anfragte, ob man „Point“ werden konnte. Das ist sozusagen ein registrierter Teilnehmer, der sich mithilfe geeigneter Programme die gewünschten Inhalte per „Abo“ herunterladen und in Ruhe lesen konnte. Ich war damals Point bei der „Vulkan-Box“ in Mayen und benutzte die nicht gerade selbsterklärende DOS-Software „CrossPoint“, um meine Inhalte abzurufen.

CompuServe, der Dienst für die elitären Snobs

Ja, und dann gab es neben den teilweise leicht anarchischen FIDO- und MAUS-Netzen, die allesamt privat organisiert waren, noch das kommerzielle CompuServe. Das war ein amerikanischer Dienstleister, der im eigentlichen Sinne gar kein Netzwerk war, sondern vereinfacht gesagt ein großer Rechner, in den man sich kostenpflichtig einwählte und über eine hübsche Windows-Oberfläche (der CompuServe Information Manager, den man sich mittels CD auf seinem Computer installieren konnte) dessen verschiedene Services nutzte.

Da gab es Börsen-News, Nachrichten, Chats, Bilder und einen integrierten Zugang zum INTERNET. Eine im Vergleich zum FIDO-Netz wirklich einfach zu bedienende, aber auch leider recht teure Welt. Denn man musste nicht nur für die Nutzung bezahlen, sondern auch die Einwahlgebühren tragen. In meinem Fall war der nächste deutsche Einwahlknoten in Frankfurt/M., und das war nichts anderes als ein Ferngespräch! Hieß, dass der Gebührenzähler lief, während man mit CompuServe verbunden war.

Fun Fact: mein Freund Jens drückte mir jedes Mal, wenn er mich besuchte, ein 5 Mark-Stück in die Hand und verbrachte eine halbe Stunde bei CompuServe, um in RPG-Foren zu lesen und zu schreiben. Denn ich war damals der Einzige im Freundeskreis, der „online“ war.

Dafür bekam man aber auch so etwas Cooles wie eine „CompuServe-ID“. Das war eine Art Mailadresse, mit der man sich innerhalb von CompuServe Nachrichten schicken konnte. Diese IDs waren nach dem Schema xxxxx.xxxx aufgebaut, also beispielsweise 12345.4711. Hat man „@compuserve.com“ hinter die ID gehängt, war man sogar per normaler E-Mail erreichbar. Damals gehörte es zum guten Ton, auf Visitenkarten seine ID abzudrucken – als Zeichen, dass man ein/e Mann/Frau „von Welt“ war. Schon ziemlich abgefahren, oder?

AOL: die stabilsten Bierdeckel aller Zeiten

Kurze Zeit später, also gegen 1996, gab es in jedem MediaMarkt die AOL-CDs, die man sich kostenlos mitnehmen konnte. Da war der AOL-Client drauf, mit dem man ähnliche Dinge tun konnte wie mit CompuServe, aber etwas günstiger und noch fluffiger in der Handhabung. Das „richtige“ Internet war integraler Bestandteil des Dienstes und den ganzen vorkonfektionierten AOL-Kram hat man eher nicht genutzt.

Allerdings wurden diese AOL-CDs dermaßen inflationär verteilt, dass jeder Mensch irgendwann ein paar davon hatte. Und was soll ich sagen – diese Dinger waren als Bierdeckel einfach nur perfekt!

Just another Netscape Night

RZ Online war der erste Provider, den ich für einen reinen Internetzugang genutzt hatte. Ich musste mich mit dem Modem – das mittlerweile sogar mehr als 50.000 Baud Datenübertragungsrate bot – nur noch zum Ortstarif in Koblenz einwählen und pro Monat auch nur 5 DM abdrücken. Mittlerweile schossen die reinen Internet-Provider nur so aus dem Boden und man konnte sich aussuchen, was am besten passte.

Der Browser der Wahl war damals der Netscape Navigator, aus dem viele Jahre später ein Browser namens Firebird hervorgegangen ist, der als Firefox heute noch exisitiert. Den Internet Explorer von Microsoft gab es auch schon, aber der war natürlich irgendwie „uncool“. Klaro, der war ja auch von M$…

1998 hatte ich meine erste ISDN-Karte – eine „Teles S0“ – und mein US Robotics-Modem wurde in Rente geschickt. Kurze Zeit später bequatschte mich mein Freund Jens – der mit den 5 Mark für jede halbe Stunde – , dass ich mir doch auch wie er DSL holen sollte. „Warum“, sagte ich, „ISDN reicht mir.“ Aber was soll’s, die Telekom hatte dann ein gutes Angebot und ich hatte kurze Zeit später auch DSL. Das war damals ein irrer Aufwand: man musste einen ganzen Haufen Formulare ausfüllen, bekam seine Zugangsdaten per Einschreiben in einem versiegelten Umschlag und ein Paket mit der benötigten Hardware. Mit dabei war ein sogenannter Splitter (der die Datensignale von den Telefonsignalen trennte) und ein riesengroßes DSL-Modem. Die Zugangsdaten enthielten viele Informationen, beispielsweise die T-Online-Nummer, Mitbenutzer-Suffix (what the hell…) und Passwort. Nachdem man alles erfolgreich verkabelt und eingerichtet hatte, ging es dann endlich mit 768 kBit/s (also fast 15-mal so schnell wie mit dem Modem) los. Scheiße Leute, ich bin vor lauter Speed fast weggeflogen!

Und plötzlich ist es 2021. Und niemand hat es gemerkt.

Es war eine verdammt spannende Zeit. Damals, als man sich alles irgendwie selbst erarbeiten musste. AT-Befehle kannte, um Modems anzusteuern (man hat sich wie ein Hacker gefühlt). Pointprogramme eingerichtet und dabei graue Haare bekommen hat. Live dabei war, wie das World Wide Web und der Rest des Internets zuerst auf die Desktop-Tower-PCs und dann in die Wohnzimmer und Smartphones kam. Und wie aus einem nerdigen Hobby etwas Selbstverständliches und Alltägliches geworden ist, das gefühlt fast jeder Mensch auf der Welt problemlos einrichten kann, täglich pausenlos nutzt und die Zivilisation auch nicht mehr funktionieren würde, wenn man es abschalten würde.

Es ist gut, wie es ist. Ich kann mir ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen, denn dann könnte ich keine Videos, Filme, Serien und Musik streamen, keine aktuellen Nachrichten lesen, keine Fotos auf Insta posten, keine Kochrezepte bei Chefkoch lesen, kein Blog schreiben, kein Smartphone nutzen, keine Google-Suche durchführen, kein…

Aber Fakt ist auch: das Internet hat nicht nur positive Seiten, sondern auch eine ganze Menge negative. Jeder kann seinen Hass in die Welt blasen und seine absurden Vorstellungen in den sozialen Netzwerken zum Besten geben – und das alles in Echtzeit und mit maximaler Reichweite. Das gab es damals noch nicht in dieser Form, wobei schon zu Mailbox-Zeiten natürlich Verschwörungsmythen verbreitet wurden, die aber freilich noch nicht diese grenzenlose Reichweite hatten, wie es heutzutage leider der Fall ist.

Aus meinem 486SX-Tower von damals, der mit 66 MHz getaktet war und 4 MB RAM hatte, ist seit 3 Jahren ein HP-Rechner geworden, der mit seinen 4 Kernen eine Taktrate von 2,5 GHz hat und das 4.000-fache (!) an Arbeitsspeicher verbaut hat. Die 256 MB-Festplatte von damals ist jetzt eine SSD mit der 2000-fachen (!!) Speicherkapazität. Windows 3.1 ist schon lange Geschichte, seit mehreren Jahren nutze ich – wie viele andere auch – Windows 10. Es gibt keine seriellen oder parallelen Schnittstellen mehr, schon lange ist USB der Standard. Das Internet war damals schwarzer Text auf grauen Seiten, heute haben wir es mit komplexen Anwendungen zu tun, die im Browser laufen. Den Internet Explorer gibt es nur noch als Software-Zombie, CompuServe und AOL existieren nicht mehr. Google ist seit Jahren überall, aber damals haben deren Gründer noch im Sandkasten mit Förmchen gespielt. Und MP3? Oder YouTube? Undenkbar war damals, dass so etwas überhaupt jemals existieren könnte! Man dachte seinerzeit: „So viele Daten kann kein Netz der Welt übertragen! Und wenn, dann kann nur ein Supercomputer solche Sachen darstellen und verarbeiten!“

Wie ist es Euch so ergangen, wie habt Ihr den Weg in das digitale Zeitalter miterlebt? Wann wart Ihr das erste Mal „online“? Kennt Ihr noch DOS oder Windows 3.1? Eure persönlichen Stories interessieren mich – und es freut mich, wenn Ihr sie mit mir teilt! Denn wir alle sind Teil dieser digitalen Gesellschaft, die heute Bestandteil unseres Alltags ist und die vor über 20 Jahren ihren Siegeszug in unser Leben antrat.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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Martin

Es schöner Text und der Inhalt lässt Erinnerungen an Damals wiederkommen. Mein erster Zugriff aufs Internet muss so 1996 gewesen sein, ich hab irgendetwas gesucht und so hab ich mich „verbotener Weise“ an den Computer meiner Bruders gesetzt – der hatte dieses Internet *g*. Ich selbst hatte meinen eigenen Internet-Zugang am eigenen Computer zwei Jahre später und Netscape war für mich die Tür in die Welt. Und hier wuchs mein Interesse an Computer, Kommunikation und Linux – andere in meinem Alter mochten Internet gleich Porno (sollte man nicht verschweigen, wenn heutige Gesetzesschreiber sich über die Jugend und Pornos aufregen) – ich hatte Kerstin ^^. Übrigens, meine erste Online-Bestellung war über BTX und ich war so gefühlte 8 oder 9 Jahre alt.

ClaudiaBerlin

Ein wunderbarer Text, der mich dazu inspiriert hat, nach historischen Texten aus dieser Zeit zu suchen – und tatsächlich fand ich einen von 1994. Damals war ich noch gar nicht im Netz (1995 eingestiegen) ich glaube, es war das Jahr, in dem ich BTX anschaffte, aber im Text kommt das noch nicht vor.

September 1994: Über den Computer

Martin

Ach ja…BTX. Damals gab es ja noch den „Bundesforschungsminister Riesenhuber“, mit Fliege, Pagenschnitt und bayrischem Dialekt, der so allerlei tolle Zukunftsdinge ins Rollen brachte: den Transrapid, die Datenautobahn, ISDN und BTX. Das Witzige: vieles waren deutsche Alleingänge, da war noch kein internationaler Standard geboren bzw. wir Deutschen sind unseren eigenen Weg gegangen. War eine wilde Zeit damals 😉

Ich lese gerade Deinen kurzweiligen und interessanten Artikel von damals und lasse Dir auch noch einen Kommentar dazu da.