Die Textur [DE] Eine Kurzgeschichte zur Realität

Das ist sie also, die Textur. Man hätte schon viel früher darauf kommen können. Aber es hatte viele Jahre gedauert, bis man realisiert hat, wie einfach doch alles ist: die Welt, die wir kennen, ist nur ein Haufen hochkomplexer Informationen, aus denen alles – ja, alles! – was wir kennen, besteht. Informationen, die existieren, weil sie irgendwann erschaffen wurden und kontinuierlich komplexer wurden. Von wem sie erschaffen wurden, weiß man nicht, wird es vielleicht auch nie erfahren. Die großen Religionen nennen es Gott, Allah, Jahwe, Shiva. Ein hilfloser Versuch, einen Schöpfer zu erklären. Doch diesen Schöpfer gibt es nicht – zumindest nicht so, wie man sich ihn vorstellt. Es ist die Textur, die Basis, aus der alles besteht. Und wir sind ein Teil davon.

Man sieht die Textur ganz deutlich, wenn man die rationalen Bewertungsfunktionen des Gehirns ausschaltet und sie sich dadurch offenbart. Mit der synthetischen Droge CCG, einem Retro-Halluzinogen,  ist dies gelungen: ein Teil des Hirnstamms, der seit Urzeiten dafür vorgesehen war, diese Fassade zu erschaffen, die wir Realität nennen, wird stillgelegt und alle Informationen gelangen unverarbeitet in die Hirnareale, die visuelle und akustische Sinneseindrücke wahrnehmen. Die ersten Probanden waren nach der Verabreichung von CCG psychotisch geworden, weil nach dem Abklingen der Wirkung und dem Wiedereinsetzen der kognitiven Verarbeitungsfunktionen die erlebten Sinneseindrücke nicht mehr kongruent zur subjektiven Wahrnehmung waren. Der Vorhang war gelüftet, die Realität durchschaut. Alle Probanden der ersten Phase wurden in einer isolierten psychiatrischen Anstalt untergebracht.

In späteren Experimenten gelang es, die Probanden darauf vorzubereiten, dass das, was sie unter dem Einfluss der Droge wahrnehmen würden, ein anderer Teil der Welt ist, die sie kennen. Der Schock konnte verarbeitet werden, auch wenn es langer Therapien bedurfte, um das Gesehene zu verstehen.

Die Probanden nahmen unter dem Einfluss von CCG eine verstörende Flut vermeintlich ungeordneter Informationen und eine unendliche Kakophonie komplexer Klänge wahr und sahen letztendlich die Welt, wie sie wirklich ist. Auch die Probanden waren – wie alles, was wir kennen –  ein Teil der Textur, aber die Gesetzmäßigkeiten, die in ihr herrschten, ermöglichten der Droge, dass sie die Dinge wahrnahmen, wie sie sind. Wir haben die Textur mit ihren eigenen Mitteln ausgetrickst…

Piet, einer der Probanden aus Phase 2, erzählte mir, nachdem er wieder in seiner gewohnten Realität angekommen war, was er unter dem Einfluss von CCG gesehen hatte.

Ich: „Was war das Beeindruckenste, das du erlebt hast?“

Piet: „Dieser Vogel. Ich schaute in den Himmel, und da flog ein Vogel. Sah zumindest wie einer aus. Ein Raubvogel oder so. Und da war dieses Raster quer über den Himmel. Das sah so aus wie in einem alten Computerspiel. Komplett abgefahren!“

Ich: „Und was war mit dem Vogel?“

Piet: „Der hat das Raster verbogen, während er flog. Sowas habe ich noch nie gesehen.“

Ich: „Er hat es verbogen?“

Piet: „Ja, er flog einfach und hat das Raster verbogen, während er flog. Und mit jedem Flügelschlag konnte ich sehen, dass alles, was es gibt, nur eine einzige große Verarsche ist. Eine Illusion, mehr nicht. Warum? Weiß der Henker!“

Ich: „Was jetzt?“

Piet: „Wie, was jetzt? Was meinst du? Ich habe hinter den verdammten Vorhang geschaut und kann verdammt nochmal beruhigt sterben, wenn es soweit ist. Ich kenne jetzt die verdammte Wahrheit. Und die fühlt sich einfach nur gut an. Und diese sogenannte Realität, hey, mit der kann ich leben. Sex and Drugs and Rock ’n‘ Roll, wie das Steak in der Matrix. Alles eine Illusion, aber eine verdammt gute! Ich mache ab heute das Beste draus!“

Nachdem ich das Protokoll fertig geschrieben hatte, löschte ich das Licht, schloss die Tür und ging ruhig und langsam über den dunklen Gang zu Raum 3. Ich schloss die Tür, legte mich auf die bequeme Liege und machte leise Klaviermusik an, die mich entspannte. Im Halbdunkel des Raumes schaute ich mich um, öffnete den kleinen Kühlschrank, nahm eine der Spritzen heraus, die mit einem Aufkleber „CCG 25 mg“ versehen waren und spritzte mir den Inhalt in die Vene.

Im Nachhinein finde ich, dass man sich ab und zu ein bisschen ungeschminkte Realität gönnen sollte. Aber nur so viel, dass man nicht vergisst, den schönen Traum in der Scheinwelt des menschlichen Daseins zu erleben.

 

Diese Kurzgeschichte wurde inspiriert von Blacker Shoals. Schaut Euch gerne seine großartigen Ideen, Experimente, Konzepte und seine Kunst auf Instagram und seiner Website an.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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