Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber Was ist aus der Welt geworden?

Dieses Zitat, das Bertolt Brecht nachgesagt wird, tatsächlich aber schon 1874 auf einem Schweizer Stimmzettel auftauchte, beschreibt ganz gut, worum es in diesem Artikel gehen soll. Denn es ist seit Jahren weltweit eine beunruhigende Tendenz feststellbar, dass viele Menschen immer öfter Einstellungen und Meinungen haben, die die Gesellschaft direkt ins Mittelalter befördern. Und darum soll es hier gehen: wie Gesellschaften die Errungenschaften eines freien und unabhängigen Staates freiwillig in die Tonne treten und warum das so ist. In diesem Sinne folgt jetzt eine polemische Analyse, die mir ein echtes Anliegen ist. Ohne Links und ohne Bilder.

Der Starke Mann

Mittlerweile haben sich viele Staaten von einer freien, intelligenten, humanistischen und aufgeklärten Gesellschaft entfernt. Wer ist schuld? So hart es klingt – die Menschen, die die Regierungen wählen und auf die Bauernfängerei hereinfallen, die ihnen die amtierenden Machthaber präsentieren. Es sind die Machthaber, die gewählt werden, weil sie vermeintlich „aus dem Volk“ kommen, die „den Sumpf austrocknen“ und „Zucht und Ordnung“ wiederherstellen wollen. Selbstverständlich sind es keine „Eliten“, dafür aber gerissen und bauernschlau. Die genau wissen, wie man „dem Volk“ gefällt. Und was macht das Volk? Es fällt darauf herein.

Erdogan, Putin, Kaczinski, Orban, Bolsonaro, Johnson und natürlich Trump – das sind einige der Herrschaften, die von sich selbst behaupten, ihr Land wieder „great again“ zu machen. Die teilweise mit überwältigender Mehrheit gewählt wurden, weil die eigene Bevölkerung deren Lügen Glauben schenkte. Die Bevölkerung, die vollkommen berauscht davon ist, dass die „guten alten Zeiten“ wiederkommen, in denen alles einfach, überschaubar, ehrlich und züchtig war. Die Bevölkerung, der eingeimpft wurde, dass Schwule und Lesben, Schwarze, Ausländer, Ungläubige, Wissenschaftler, Demokraten und überhaupt alles, was gegen die momentane Regierung ist, schlecht, falsch und gelogen ist. Die Menschen, die eine solche Welt wollen, jubeln ihren starken Männern zu, die die Meinungsfreiheit abschaffen, Minderheiten unterdrücken und die „Rasse“ reinhalten wollen, einen Polizeistaat etablieren und die Gerichtsbarkeit zu ihren Gunsten umkrempeln. Die sich im Gegenzug aber bereichern wollen und der Bevölkerung durch Vetternwirtschaft nachhaltig schaden und den Ruf des Landes ruinieren.

Die verschiedenen Sorten

Es gibt verschiedene Typen von Machthabern, die ich jetzt mal genauer beleuchte. Jeder hat seine eigene Strategie, und jeder hat auf seine ganz eigene Weise damit Erfolg.

Die Showmaster

Das sind die, die oftmals eigentlich überhaupt keine Ahnung von Politik haben (Trump, Bolsonaro), aber die Klappe am weitesten aufreißen und die beste Show abliefern. Die auf Wahlkampfveranstaltungen wild rumhüpfen, alles beschimpfen, was ihnen nicht gefällt, Gegner lächerlich machen und diskreditieren und lügen, dass sich die Balken biegen (Stichworte: „Fake News“, „Alternative Fakten“). Sätze wie „Ich könnte jemanden auf der 5th Avenue in New York erschießen, ohne dass ich einen einzigen Wähler verliere“ oder „Ich bin für Folter. Und das Volk ist auch dafür.“ drücken ganz gut aus, was in ihren Köpfen vorgeht. Wenn sie nicht mehr von ihrem Versagen ablenken können (z.B. Johnson oder Trump in der Coronakrise), dann machen sie ganz flott einen Nebenschauplatz auf, der schön davon ablenkt. Die USA sind spätestens unter Trump zu einer debilen Idiokratie verkommen.  Was macht die Bevölkerung: jubelt ihnen zu.

Die eiskalten Engel

Die regungslose, gefühlskalte Sorte, die mit chirurgischer Präzision den Staat nach ihren Wünschen umoperiert, Gegner sofort mundtot macht und in Nacht-und-Nebel-Aktionen verschleppt, jegliche Kritik sofort als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ verurteilt und einen sterilen Überwachungsstaat schafft, in dem zwar die Wirtschaft floriert, aber die Menschen nur noch das tun dürfen, was dem Staat beliebt (Xi Jinping, Putin). Was macht die Bevölkerung: sie hört größtenteils auf zu denken und fügt sich. Der Rest geht in den Untergrund, um nicht verfolgt zu werden.

Die religiösen Eiferer

Die sind auch nicht ohne, ganz im Gegenteil. Streng katholisch oder fundamental muslimisch sorgen sie dafür, dass die Menschen wieder bibel-/korantreu werden. Das alte Testament kann doch nicht lügen, das neue schon mal gar nicht und der Koran erst recht nicht. Züchtigkeit, Tradition, kein Sex vor der Ehe, keine Drogen, kein Alkohol, keine Schwulen, keine Partys. Stattdessen immer fein den jeweiligen Gottesdienst besuchen, ja, so ist’s recht. Bei Verfehlungen haben sie entweder die Sharia oder die öffentliche Ächtung zu bieten. Fremde mögen sie nicht, weltliche Dinge sind Teufelswerk. Ganz so wie vor mehreren hundert Jahren, in der „guten alten Zeit“. Die Herren Erdogan und Kaczinski fallen diesbezüglich sehr unangenehm auf. Aber Geld, ja, das nehmen sie immer gerne. Und wenn man ihnen auf das Füßchen tritt, weil sie sich unmöglich benehmen, dann werden sie unfair und fangen an zu pöbeln. Und was macht hier die Bevölkerung: sie betet, dass die Ungläubigen der Blitz beim Scheißen trifft. Und schwenken dabei wild die Flagge ihres Vertrauens durch die Gegend.

Die klassischen Diktatoren

Die nehmen hier eine Sonderstellung ein, weil sie oft nicht von den Menschen in ihrem Land gewählt wurden, sondern sich an die Macht geputscht haben oder gefühlt schon immer da waren. Da hätten wir ein paar afrikanische Herrschaften, aber es gibt auch schlimme Fälle in Südamerika oder Asien. Sie überzeugen durch Korruption, Brutalität, Kriminalität und Geldgeilheit. Sie lassen ihr Volk gerne aushungern, erzählen ihm irgendeinen Stuss und tragen meist bunte Fantasie-Uniformen, Sonnenbrillen und Maschinengewehre. Ghaddafi in Libyen war ein typischer Vertreter. Was macht die Bevölkerung: die zittert vor Angst. Der Rest schießt wild um sich.

Es gibt auch noch den Möchtegern-Nazi, das ist eher eine Mischform. Manche der Genannten fallen auch in diese Kategorie.

Wie kommen solche Personen an die Macht?

Es gibt Staaten, die jahrzehntelang von Missständen gebeutelt waren (Kommunismus, Diktatur, Armut) und sich nach Stabilität sehnen. Dabei aber übersehen, dass die Machthaber, die sie wählen, auf eine ganz andere Art genauso schlimm sind.

Und dann gibt es natürlich die traurigen Fälle, bei denen eine eigentlich vernünftige Partei es nicht geschafft hat, einen respektablen Gegenkandidaten aufzustellen – da wählt man natürlich lieber denjenigen, der das größte Mundwerk hat und die meisten schönen Märchen erzählt. In den USA und Großbritannien war und ist es leider so.

Dann haben wir noch die Staaten mit dem fehlenden Selbstwertgefühl, z.B. die Türkei. Die kommen sich anscheinend unheimlich mickrig vor (was sie im Übrigen gar nicht nötig haben, denn sie sind eine tolle Nation mit beeindruckender Geschichte) und brauchen unbedingt jemanden, der ihre Volksseele streichelt und ihnen sagt: „Hey, wir zeigen der ganzen Welt, dass man es mit UNS nicht machen kann!“. Erdogan beherrscht dieses Metier perfekt. Übrigens hat Johnson in Großbritannien genauso gekonnt das Wahlvolk eingewickelt. Die irrsinnige Entscheidung (ja, sie war komplett irrsinnig!), die EU mit allen Vorteilen und Gemeinsamkeiten zu verlassen, wurde von ihm dermaßen gut verkauft, dass 50 % der Wähler dachten, mit einem Austritt aus einem der stärksten Bündnisse der Welt würden sie ihre Unabhängigkeit zurück bekommen (die sie im Übrigen nie verloren haben). Ohne Handelsvertrag – was sich momentan ja leider abzeichnet – werden sie wahrscheinlich am Ende des Jahres verdammt unabhängig sein, aber auch verdammt unbedeutend – denn das britische Empire gibt es ja bekanntlich schon lange nicht mehr und ohne Handelsvertrag mit der EU stehen sie ganz schön dumm da. Trump wird sich dann wahrscheinlich auch nicht mehr dran erinnern, dass er ihnen den „greatest deal ever“ anbieten wollte. Tja, was soll man zu soviel Blödheit noch sagen? Unabhängigkeit? Für’n Arsch! Die restlichen 50 %, die gegen den EU-Austritt gestimmt haben, tun mir übrigens wirklich leid.

Allen gemeinsam ist aber, dass sich die Bevölkerung sicher fühlen will (Ausländer raus, Homos, raus, „Verbrecher“ raus, Grenzen dicht, etc.), sich jeder Einzelne als Teil der Nation mächtig und stolz fühlen will („ich bin ein stolzer Türke/Russe/Amerikaner“) und natürlich wollen alle, dass es ihnen wirtschaftlich gut geht („ich will reich werden!“). Gottesfürchtigkeit und Armut sind da übrigens eine ganz üble Mischung, denn damit kann man auf wunderbar einfache Weise eine Wahlkampfstrategie aufbauen, die die Menschen in deren Arme treibt („Ich verspreche Euch Arbeit und Geld – Gott ist mit uns!“). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es nicht nur die „Dummen“ sind, die diese Regierungen wählen, sondern auch ein Großteil der Intellektuellen wählt sie. Obwohl sie es besser wissen müssten (das verstehe, wer will…).

Dabei sind diejenigen, die solche Typen wählen, einfach nur strunzdoof: denn eines Tages sind sie auch dran, wenn sie einen Fehler machen. Wenn sie mal aus Versehen das Falsche sagen oder die falschen Freunde haben. Da schließt sich dann wieder der Kreis zu dem Zitat aus der Überschrift.

Alles, was uns wichtig ist

Wir sind in erster Linie Menschen. Mit menschlichen Bedürfnissen und Sozialverhalten. Wir leben nicht für uns alleine, kein Mensch ist eine Insel. Wir wollen, dass man für uns sorgt, wenn es uns schlecht geht, wir wollen keinen Zwängen ausgesetzt sein, die unser Leben beeinträchtigen und wir wollen keine Schmerzen und Ängste haben, solange wir unser Leben leben. Wir wollen irgendwann, wenn wir auf dem Sterbebett liegen, sagen können: „Es war gut , wie es war. Ich hatte ein schönes Leben.“

Wir wollen, Liebe, Zuneigung, Freunde und egal, wie unsere sexuellen, körperlichen, religiösen oder weltanschaulichen Präferenzen sind, in Frieden leben, solange wir niemandem Schaden zufügen. Wir wollen uns als Menschen entfalten in der kurzen Zeit, die wir haben. Und dabei die Sicherheit haben, dass uns der Staat, in dem wir leben und die Welt, auf der wir leben, respektiert und die Möglichkeiten gibt, die wir brauchen. Zumindest ich will das. Ich will vernünftige Gespräche mit vernünftigen Menschen führen, keinen Hass, keine Gewalt. Blauäugig? Vielleicht. Unerreichbar? Nein. Es gibt Staaten, in denen das ziemlich gut klappt, die zeigen, dass das keine Utopie sein muss. Vorweg: niemand ist perfekt, kein Bürger, kein Regierender. Aber es ist die Kunst, das einzusehen und aus seinen Fehlern zu lernen. Bildung und Humanismus sind wichtig, um diese Kompetenzen zu erwerben. Glauben darf nie höher bewertet werden als Wissenschaft und Lehre. Fanatismus darf nie Staatsdoktrin werden. Hass und Intoleranz dürfen nie toleriert oder gar gefördert werden.

Was solche Machthaber propagieren, ist oftmals aber nur bloße Menschenverachtung. Dementsprechend sind solche Personen – zumindest für mich – Unmenschen.

Ich merke, dass ich Menschen, die aus Staaten stammen, die solche Regierungen wie die oben geschilderten haben, kritisch sehe. Denn es könnten ja potenzielle Unterstützer solcher Ideologien sein. Und das gefällt mir überhaupt nicht. Ich will kein diffuses Unwohlsein empfinden, wenn ich in die Dönerbude gehe und denke, der Mann am Dönerspieß könnte ein Erdogan-Fan sein. Und ich will auch nicht Musik von amerikanischen Künstlern hören und denken, dass sie vielleicht einen Trump gut finden. Klingt komisch, ist aber so. Ich bevorzuge Menschen, die Grips im Kopf haben und totalitäre Denkweisen ablehnen.

Wer macht es richtig?

Es gibt einige Staaten auf der Welt, die meinem Ideal nahekommen, zum Beispiel die Niederlande und Kanada, um nur 2 zu nennen. Demokratische Staaten mit einer sozialen Marktwirtschaft, einem ausgeprägten Sozialwesen und einer Regierung, die zum Wohle der Bevölkerung agiert, Menschenrechte achtet, hohe ethisch-soziale Standards hat und dennoch ihre Kultur und ihre Wurzeln nicht vergisst, ohne nationalistisch zu sein. Davor habe ich Hochachtung und es würde mich freuen, wenn mehr Staaten so wären. Denn dann wäre die Gesellschaft…

einfach menschlicher.

Wie hat Dir dieser Artikel gefallen? Bewerte ihn jetzt!

Durchschnittliche Bewertung / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut mir leid, dass Dir der Beitrag nicht gefallen hat.

Lass mich wissen, was ich verbessern kann!

Was kann ich verbessern?

Willst Du benachrichtigt werden, wenn es neue Artikel gibt? Abonniere den Newsletter!

Dieser Service ist DSGVO-konform - Deine E-Mail-Adresse wird zu keinem Zeitpunkt an Dritte weitergegeben und Du kannst Dich jederzeit abmelden. Den Link dazu findest Du in jedem Newsletter, den Du erhältst. Die Datenschutzerklärung findest Du rechts in der Sidebar.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.
guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare laden