Auf dem Weg der Besserung. Die Chronik meiner Mutter. Teil 2.

Nachdem meinen Mutter nun einige Zeit im Brüderkrankenhaus war, ging es ihr besser. Man setzte sie in ein Stühlchen, das sie fixierte, sodass sie aufrecht sitzend essen und trinken konnte. Man machte Gehübungen mit ihr und eines Abends kam ich in’s Krankenhaus und fragte den Arzt, wie es ihr geht. Der sagte: „Ihre Mutter läuft herum wie eine Tanzmaus!“ Hey, das klang gut! Ich ging in ihr Zimmer und sie konnte tatsächlich ein paar Schritte gehen.

Mama auf dem Weg in die Reha

Auf dem Weg in die Reha. Ich fuhr hinterher.

Nach drei Wochen im Brüderhaus ging es für sie in die Reha nach Vallendar. Die Sanitäter holten sie ab und es ging mit dem Krankenwagen in die BDH-Klinik.

In den letzten  Wochen und auch jetzt, in der Reha, musste ich natürlich ihre Wäsche waschen und mich um ihre Angelegenheiten kümmern. Das war nicht immer einfach, auch mit meiner Mutter war es nicht immer einfach. Denn sie ließ sich oft gehen, hatte keine Motivation, sagte: „das gibt sowieso nichts mehr.“. Sie war oft depressiv, hatte keine Lust und Ina und ich versuchten immer wieder, sie zu motivieren. So sehr sich das Personal in der Reha-Klinik auch Mühe gab – das nützt alles nichts, wenn der Patient nicht mit vollem Einsatz mitmacht.

Mama in der Reha - der erste Tag.

Mama in der Reha – der erste Tag. Alles neu.

Es vergingen wieder drei Wochen, die Reha näherte sich dem Ende. In der Zwischenzeit war es Januar, draußen lag Schnee, es war kalt im Rheinland. Wir wollten, dass sie wieder nach Hause kommt, betreut von einer polnischen Pflegekraft. Ich hatte von Mamas Hausärztin einen Tipp bekommen, wen man da ansprechen kann. Es war Frau W., selbst Polin, sie wohnte aber im selben Ort wie meine Mutter. Nach einigen Gesprächen vermittelte sie uns eine polnische Dame (ich nenne sie im weiteren Text „Grazyna“), die allerdings erst in ein paar Wochen nach Deutschland kommen konnte. Also musste meine Mum zur Übebrückung in die Kurzzeitpflege, da sie nicht alleine zuhause sein konnte. Das nächstbeste Heim, das mir empfohlen wurde, war allerdings der totale Flop: unmotiviertes, grobes Personal, ein Zweibettzimmer mit einer dementen Dame (!) und weil es dem Personal zu mühsam war, mit ihr auf Toilette zu gehen, bekam sie eben Windeln! Ich war selbst dabei, wie sie mehrmals klingelte und niemand kam. Nach ca. 15 Minuten, als sie längst in die Windel gemacht hatte, kam dann eine osteuropäische Pflegerin (ca. 90% des Personals bestanden aus – wahrscheinlich günstig beschäftigten – osteuropäischen Damen), steckte ihren Kopf in die Tür und fragte unfreundlich: „WAS IST?!° So ging es wohl die ganze Zeit und da meine Mum aus gutem Grund verzweifelt war, verlegten wir sie in ein anderes Altenheim. Das war auch nicht viel besser, aber immerhin moderner. Tage später kam auch der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) und gab ihr Pflegestufe 1. Somit erhielt sie fortan 335,- € monatlichen Zuschuss für die häusliche Pflege. Immerhin.

In der Zwischenzeit besorgte ich die notwendigen Pflegehilfsmittel: Toilettensitzerhöhung, verstellbarer Einlegerahmen für’s Bett, Rollator.

Im Altenheim lag sie dann einige Wochen, bis die polnische Pflegekraft kam. Es war ein eiskalter Morgen im März, ich wartete in der Wohnung meiner Mama, bis es klingelte und eine kleine Person von ca. 60 Jahren mit schweren Koffern eintraf. Jetzt musste alles klappen, sie zurück zu schicken, konnte ich mir nicht leisten. Nachdem sie ihre Sachen in meinem ehemaligen Zimmer in der Wohnung meiner Mutter eingeräumt hatte, erzählten wir ein bisschen. Sie brach sehr gebrochen deutsch, eigentlich sehr schlecht, aber wir konnten uns verständigen.

Dann war es 10.00 Uhr und wir fuhren zum Altenheim, um die Mama abzuholen. Leider war kein offizieller Parkplatz frei, sodass ich mein Auto quer vor ein anderes stellen musste. Wir packten die Klamotten zusammen, da kam eine Schwester herein und sagte: „Ist das Ihr Wagen? Da will jemand weg.“. Mich erwartete ein unfreundlicher Herr um die 60, der sofort drohte, mich anzuzeigen und weitere absurde Unfreundlichkeiten („Freiheitsberaubung“, „Nötigung“, bla bla…) von sich gab. Auch das noch! Nicht, dass mich das geschockt hätte (so einfach kann man jemanden deswegen nicht anzeigen und eine Halterauskunft bekommt man auch nicht ohne weiteres), aber es war einfach ärgerlich, zumal ich sowieso sehr angespannt war und einfach keine andere andere Chance hatte, mein Auto woanders abzustellen. Außerdem hatte er maximal 10 Minuten gewartet…

Zuhause angekommen richtete Grazyna ihr Zimmer ein und begann sofort, Wäsche zu waschen, zu kochen und Ordnung zu schaffen. Ich hatte ein gutes Gefühl. Das relativierte sich, als ich am nächsten Tag einen Anruf von Frau W. bekam, dass Grazyna kauf schlafen konnte, weil meine Mum nachts sehr oft auf die Toilette musste. Also kam ein Toilettenstuhl.

Die kommenden Wochen waren für mich eine richtige Entlastung, weil sich Grazyna rührend um den Haushalt kümmerte, Mama versorgte und sich gut kümmerte. Außerdem bekam die Mum jetzt Krankengymnastik und konnte immer besser gehen. Das neue Leben meiner Mutter pendelte sich ein, auch wenn es ein anderes Leben war als vorher. Natürlich musste ich mich weiterhin um die Geldgeschäfte kümmern, was mir in Anbetracht der mittlerweile angespannten finanziellen Lage meiner Mum nicht immer leicht fiel. Sie sagte oft: „Ist doch nicht Dein Geld, das Du ausgeben musst.“. Aber da ich sah, dass ihr Konto immer mehr überzogen war, war es oft schwierig. Grazyna bekam 1200,- € pro Monat, zuzüglich 200,- € Geld zum Einkaufen. Dazu noch 100,- € einmalige Vermittlungsgebühr und 180,- € Fahrgeld für Hin- und Rückfahrt nach Polen. Natürlich mussten alle Posten, die auch früher bezahlt werden mussten, beglichen werden, allem voran die Miete für die Wohnung. Es wurde kanpp und ging nur ganz knapp Null auf Null auf… Aber es ging irgendwie.

Nachdem Grazyna 3 Monate da blieb, kam ihre Nachfolgerin,  A., die leider nur „ihren Job machte“, aber mehr auch nicht. Meistens saß sie in ihrem Zimmer mit dem Laptop. Nach weiteren drei Monaten kam endlich Grazyna wieder.

Der Sommer kam. Ina und ich machten Urlaub in Italien, alles hatte sich irgendwie eingespielt. Die Wohnung meiner Jugend war nicht mehr meine Wohnung, so viel hatte sich verändert. Auch meine Mutter war nicht mehr die, die sie mal war. An den Wochenenden versuchte ich abzuschalten, schöne Tage mit Ina zu verbringen, mich abzulenken.

mama_urlaub

Inas und mein Urlaub in Italien – abschalten und auf andere Gedanken kommen.

Als wir aus dem schönen Sommerurlaub wiederkamen und jede Menge Erinnerungen und leckere Sachen mitgebracht hatten, konnte die Mama schon richtig gut gehen, auch teilweise ohne Hilfe. Die regelmäßige Krankengymnastik zeigte ihre Wirkung. So ging ich eines schönen Sommertages mit ihr auf der Straße spazieren. Sieht doch richtig gut aus, oder?

Ein kleiner Spaziergang auf die Straße

Ein kleiner Spaziergang auf die Straße

Schließlich besprach ich mit ihr, dass eine ganztägige Pflegekraft nicht mehr nötig ist, und so beschlossen wir, dass Grazyna wieder nach Polen zurückkehrt und wir es mit einem ambulanten Pflegedienst probieren.

Ich schreibe demnächst weiter. Bitte lest weiter mit, wenn Ihr mögt.

Über Martin

Ich bin der Chefredakteur des Loft 75, dem "Magazin für das 21. Jahrhundert im Stil der 70er". Geboren 1969 in einem kleinen Ort im "Welterbe Oberes Mittelrheintal", somit > 40 Jahre alt und gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert und besitze auf jeden Fall eine kreative Ader, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und jetzt wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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