Der Weg in die Zukunft* Warum ich von Zukunftsforschung absolut nichts halte

Wenn man sich die Aussagen namhafter Wissenschaftler und Industrieller vergangener Zeiten heute anschaut, merkt man schnell, dass da ganz viel heiße Luft drin steckte oder schlicht und einfach neue Trends nicht erkannt wurden. Warum das so ist und warum ich von Zukunftsforschung überhaupt nichts halte, erfahrt Ihr in diesem Artikel.

Voraussagen, die völlig daneben waren

Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.


-Thomas Watson, IBM, 1943

 

Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer in seinem Haus haben wollen würde.


-Ken Olsen, Digital Equipment, 1977

 

Mehr als 640 Kilobyte Speicher werden Sie niemals benötigen.


-Bill Gates, Microsoft, 1981

Als Computer noch ganze Hallen füllte, kam niemandem in den Sinn, dass sie irgendwann mal kleiner werden könnten. Klar, in den Computern dieser Zeit waren große Elektronenröhren verbaut und die Rechenkapazität war für heutige Verhältnisse so unterirdisch, dass es schlicht keinen Grund gab, dass sich ein Privatmann oder eine Firma einen oder gar mehrere dieser Dinger anschafft. Außerdem waren sie nur zur Lösung spezieller Probleme konstruiert und konnten kaum andere Aufgaben lösen. Software im heutigen Sinn gab es 1943 noch nicht, die Computer hatten eine feste Verdrahtung. Ergo: für fast jeden uninteressant.

Die Grenze von 640 Kilobyte war noch in den frühen 80ern das Höchste der Gefühle, weil die damaligen Betriebssysteme mit mehr Arbeitsspeicher schlicht nichts anfangen konnten. Warum also mehr Arbeitsspeicher verbauen, wenn er unnütz ist?

Man hat das Potenzial dieser Geräte nicht erkannt, nicht über den Tellerrand geschaut und künftige Entwicklungen nicht vorausgesehen. Es wurde nicht gesehen, dass Computer später nicht mehr riesengroß sein müssen – wie auch, anno 1943 dachte man nicht im Entferntesten daran, dass einmal der Mikroprozessor erfunden wird. Es wurde auch nicht daran gedacht, dass künftige Betriebssysteme einmal mehr als 640 kB Arbeitsspeicher nutzen könnten. Das hätte man aber zumindest ahnen können: denn die Physik hinter diesen Geräten, die heute in Form eines Smartphones mehr Rechen- und Speicherkapazität haben als der Bordrechner der Space Shuttles, war schon damals bekannt. Auch hätte man ahnen können, dass sich weitere Anwendungsmöglichkeiten aus Computern ergeben könnten, die auch für Privatleute und Firmen interessant sein werden.

Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren.


-Gottlieb Daimler, 1901

Die Fehleinschätzung, dass jedes Auto nur von einem Chauffeur gefahren werden kann und man sicher niemals auf die abwegige Idee käme, das selbst zu tun, führte zur Aussage von Gottlieb Daimler. Damals gab es Kutscher, also mussten auch Autos einen Chauffeur haben. Es wurde aufgrund der damaligen Zeit und der Gepflogenheiten nicht auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass es auch anders sein könnte.

Womit keiner gerechnet hat

Oben habe ich ein paar Beispiele genannt, wie künftige Entwicklungen nicht gesehen wurden. Jetzt folgen einige Beispiele, warum bestimmte Dinge wie aus dem Nichts entstanden sind und warum.

Das iPhone und die Smartphones

Steve Jobs hat 2007 eine Kombination aus einem Musikplayer und einem Handy vorgestellt – das iPhone. Das Revolutionäre war, dass sich dieses sonderbare Gerät erweitern ließ, indem einfach Programme, ähnlich wie bei einem Computer, darauf installiert werden konnten. Jobs hat einfach weitergedacht – und es nicht dabei belassen, ein Handy zu entwickeln, mit dem man Musik abspielen und telefonieren kann, sondern das man fast unendlich per Software erweitern kann. Die damals schon recht gute Kamera (die es auch schon in den vorherigen Handys gab) sorgte dafür, dass auch die Fotografie mit einem mobilen Gerät abgedeckt werden konnte. Ein empfindlicher Touchscreen sorgte für eine einfache Bedienung – und nicht etwa fest verbaute Tasten.

Natürlich wollten andere Hersteller das nicht auf sich sitzen lassen und entwickelten ähnliche Geräte, die schnell den Namen „Smartphones“ bekamen. Es wurden einheitliche Betriebssysteme wie Android, iOS oder Windows Phone entwickelt, die perfekt auf diese Geräte angepasst wurden und eine sehr einfache Bedienung ermöglichten. Das Geheimnis des Erfolgs war der jeweilige „Store“, über den sich die Apps beziehen ließen; die Garantie für die Erweiterbarkeit und Zukunftssicherheit der Geräte.

Das iPhone war eine kühne Erfindung, ein Geistesblitz des ziemlich genialen Tüftlers Steve Jobs. Hätte er es nie erfunden oder dem Konzept schon im Vorfeld keine Chancen eingeräumt, sondern so gedacht wie der IBM-Manager, den ich weiter oben zitiert habe, oder aber: Jobs wäre nie geboren worden – ja, dann hätten wir heute vielleicht keine Smartphones oder sie wären wesentlich später von jemand anderem erfunden worden. Vielleicht mit einer ganz anderen Philosophie und Funktionsweise.

Das Auto

Es hatte sich lange Zeit bewährt, sich per Pferd und Kutsche fort zu bewegen. Da aber Pferde leider launisch und relativ langsam waren, begannen die Herren Daimler und Benz, den Motorwagen zu entwickeln. Er wurde mit einem Treibstoff namens Benzin betrieben und bot die Zukunft der Fortbewegung. Anfangs wurde der Motorwagen ausgelacht, dieses knatternde, stinkende Ding, aber die Verheißung höherer Geschwindigkeiten, als sie mit dem Pferd möglich waren, sowie Komfort und Coolness sorgten dafür, dass die Idee weiterverfolgt wurde. Das Auto war sozusagen eine Entkopplung von der Natur in einem fortschrittsgläubigen Jahrhundert, in dem alles Maschinelle möglich schien.

Das Flugzeug und die Mondrakete

„Keine Flugmaschine wird jemals von New York nach Paris fliegen“. Das sagten die Brüder Wright, kurz nachdem sie das Flugzeug erfunden haben. Und warum? Weil kein bekannter Motor 4 Tage Dauerbetrieb durchhalten würde. Okay, gleich zwei Denkfehler in einem: zum einen, weil sie die Entwicklung der Motorentechnologie anscheinend für abgeschlossen hielten und zweitens, weil es ja nicht sein kann, dass Motoren ein Flugzeug so schnell antreiben können, dass es in weniger als 4 Tagen das Flugzeug über solch eine Distanz transportieren kann. Aber die Brüder Wright waren die Ersten, die ein flugfähiges Flugzeug zustande brachten, weil sie sich einen alten Menschheitstraum erfüllen wollten. Hätte man sie allerdings nach einem Flug auf den Mond gefragt, wären sie sicherlich in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Und trotzdem haben die Amerikaner es 1969 geschafft, die ersten Menschen sicher auf dem Mond landen zu lassen. Und nur deshalb, weil sie sich mit der Sowjetunion ein Wettrennen geliefert haben. Die Triebfeder für diesen Meilenstein war also der Wettbewerb.

Die Atomkraft

Otto Hahn, Lise Meitner und viele andere Physiker haben die Grundlagen für die Nutzung der Atomenergie geschaffen. Daraus entstand die kommerzielle Nutzung der Kernenergie, aber auch die Atombombe. Hätten diese Forscher niemals weiter gedacht und die Zerfallsprozesse der einzelnen Atome lediglich rein akademisch betrachtet, hätten wir heute keine Atomkraftwerke und die Atombombe wäre vielleicht auch nicht erfunden worden. Die Grundlagenforschung war der Grund, warum alle diese Technologien heute verfügbar sind.

Das World Wide Web

Hätte Tim Berners-Lee in den späten 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht darüber nachgedacht, wie man Forschungsergebnisse einfach mit seinen weit entfernten Kollegen teilen kann, wäre das World Wide Web sicher nicht erfunden worden. Es gäbe keinen Hypertext und keine Webseiten, keine Domains, keine IP-Adressen. Stattdessen hätte man vielleicht die proprietären, aus der Industrie und von Telekommunikationsfirmen stammenden Techniken weiterentwickelt und wir würden heute eine weiterentwickelte Form von BTX nutzen. Wer weiß? Der Anlass, warum Tim Berners-Lee die Grundlagen des WWW erschuf, war schlicht und einfach Bequemlichkeit.

Die Erfindung der Impfstoffe

Schlimme Krankheiten wie die Pest, Fleckfieber, Sumpffieber, Pocken und andere Übeltäter haben dazu geführt, dass man sich näher mit der Natur dieser Plagen auseinandersetzte. Es wurde irgendwann klar, dass es sich nicht um „schlechte Luft“ handelte, sondern um mikroskopisch kleine Bakterien, Parasiten und sogenannte Viren. Aber statt diese Krankheiten zu behandeln, wenn der Patient bereits angesteckt war, forschte man nach Präventionsmaßnahmen. Robert Koch, Paul Ehrlich und viele andere Forscher fanden schließlich Möglichkeiten, Menschen zu impfen, sodass diese Krankheiten erst gar nicht bei den Patienten ausbrachen. Die Notwendigkeit und der konkrete Leidensdruck haben zu diesen Entwicklungen geführt.

Warum die Zukunft so schwer vorhersehbar ist

Visionäre Erfindungen, Bequemlichkeit, die Erfüllung von Menschheitsträumen, Wettbewerb, Leidensdruck und neue Erkenntnisse in der Grundlagenforschung sind einige der Gründe, warum Dinge erfunden werden und der Entwicklung der Welt eine neue Richtung geben. Aber ist es vorhersehbar, wie sich die Dinge entwickeln? Sicher nicht, denn fehlendes Vorstellungsvermögen und die zufälligen Umstände, wie warum neue Dinge entwickelt werden, sorgen dafür, dass nichts vorhersehbar ist.

Wenn heute jemand aufwacht und eine neue Idee hat, ist noch lange nicht garantiert, dass diese Idee auch in der gewünschten Weise einschlägt und von der Menschheit angenommen wird. Es gab schon so viele gute Ideen, für die sich schlicht und einfach niemand interessiert hat. Irgendwann werden sie vielleicht wieder aus der Schublade geholt und schlagen ein wie eine Bombe.

Es werden auch täglich eine ganze Menge neuer Erkenntnisse gewonnen. Vielleicht weiß ja nächste Woche ein Physiker, wie man den Raum krümmen und einen Warp-Antrieb entwickeln kann, mit  dem der Traum vom interstellaren Reisen wahr wird? Eventuell kommt ihm die Erkenntnis deswegen, weil unlängst das Geheimnis der dunklen Materie gelüftet und weitere physikalische Gesetze entdeckt wurden, wie dies zu bewerkstelligen ist? Vielleicht passiert das aber auch in den nächsten 500 Jahren nicht.

Oder aber, die Klimakatastrophe wird innerhalb von kürzester Zeit so schlimm, dass das sofortige Handeln aller Staaten gefordert ist, weil sonst die Zivilisation aufhört zu existieren? Möglicherweise arbeiten im Angesicht der Auslöschung der Menschheit alle Staaten zusammen, um diese Katastrophe abzuwenden? Die Corona-Pandemie hat jetzt schon internationale Forscher mobilisiert, in kürzester Zeit neue Impfstoffkonzepte zu entwickeln.

Und dann haben wir noch die Trends. Vieles floppt, manches ist der neue heiße Scheiß, mit dem niemand gerechnet hat. Ich habe 2008 in London Gürtelschnallen gesehen, die mit programmierbarem LED-Lauflicht ausgestattet waren. Damit konnte man Spruchbänder durchlaufen oder coole Muster anzeigen lassen. Hey, habe ich gedacht, das wird der neue coole Shit! Und, was passierte? Nichts. Ich habe die Dinger nie mehr irgendwo gesehen. Schade eigentlich. Stattdessen mussten wir uns in der Vergangenheit mit so üblen Sachen wie Tamagotchis, Fidget Spinnern und leuchtenden Turnschuhabsätzen herumschlagen. Hat niemand geahnt…

Warum der Beruf des Zukunftsforschers Bödsinn ist

Chaos und Forscherdrang sorgen immer wieder dafür, dass zukünftige Entwicklungen nur sehr eingeschränkt voraussagbar sind. Selbst wenn Zukunftsforscher einen kleinen Teil dazu beitragen, künftige Entwicklungen vorauszusehen, so werden sie doch nur in der Lage sein, bestehende Trends theoretisch zu interpolieren und allenfalls eine grobe Marschrichtung gen Zukunft vorherzusagen. Wenn überhaupt. Selbst wenn die Zukunftsforschung globale Entwicklungen voraussagen könnte, sei es, um Ressourcen, Kapital oder die künftige Entwicklung der Gesellschaft zu planen, so müssen sie immer damit rechnen, dass ihnen Faktoren einen Strich durch die Rechnung machen, die man nicht auf dem Schirm haben kann. Internet, Smartphone und der Aufstieg des Elektroautos wurden nicht vorhergesehen. Und somit ist – zumindest für mich – dieses Fachgebiet absolut nutzlos. Denn es ist eigentlich nur der flüchtige Blick in eine ziemlich trübe Kristallkugel.

*) „Der Weg in die Zukunft“ – das war ein Filmzitat von Howard Hughes, das man am Ende des Films Aviator aus dem Mund von Leonardo DiCaprio immer und immer wieder hören konnte, als Howard Hughes begann, verrückt zu werden.

Wie hat Dir dieser Artikel gefallen? Bewerte ihn jetzt!

Durchschnittliche Bewertung / 5. Anzahl Bewertungen:

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut mir leid, dass Dir der Beitrag nicht gefallen hat.

Lass mich wissen, was ich verbessern kann!

Was kann ich verbessern?

Willst Du benachrichtigt werden, wenn es neue Artikel gibt? Abonniere den Newsletter!

Dieser Service ist DSGVO-konform - Deine E-Mail-Adresse wird zu keinem Zeitpunkt an Dritte weitergegeben und Du kannst Dich jederzeit abmelden. Den Link dazu findest Du in jedem Newsletter, den Du erhältst. Die Datenschutzerklärung findest Du rechts in der Sidebar.

Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.
guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare laden