Der erste seiner Art

Als R. die Tür zum Käfig schloss, murmelte er: „Sieht doch eigentlich ganz harmlos aus.“ Seit einer guten Woche schaute er hier regelmäßig nach dem Rechten. Schaut, ob sich nichts bewegt, was sich nicht bewegen sollte. Das Institut für Botanik ist ratlos, seit das Forstamt Anfang Juli den Strauch, eingepackt in ein reißfestes Tuch, vorbeigebracht hatte. Spezialisten aus England, Japan und den USA sind angereist und untersuchen seitdem, was dort in einem Einzelkäfig sitzt und sich jeder Erklärung entzieht.

B. ging an diesem Abend spät ins Bett. Es war ein heißer Sommertag, und um das aufgeheizte Schlafzmmer auskühlen zu lassen, ließ er das Fenster weit aufstehen, während von draußen eine kühle Brise hereinwehte. Er legte sich hin und versuchte einzuschlafen. Dann kam langsam der Schlaf, je kühler es im Schlafzimmer wurde. Während er am Wegdämmern war, hörte er noch, wie es am Fenster leise knackte. Ein feines, leises Knacken. Danach schleifende Geräusche über den Fußboden. „Die Katze kommt ins Bett“, dachte er. Nur Sekunden später fühlte er, wie sich etwas auf seinem Bauch ausbreitete. Als er die Katze streicheln wollte, fühlte er stattdessen dürre, biegsame Äste. Er schreckte augenblicklich hoch, knipste in Panik das Licht an und musste mit Schrecken feststellen, dass es nicht die Katze war, die auf ihm lag. Ein unförmiges, knorriges Gewirr von Ästen, an denen eine große Anzahl von Knospen hing, breitete sich auf seinem nackten Bauch aus. Er schrie, als er merkte, dass sich eine Art von Wurzel in seinen Bauchnabel bohrte und immer tiefer in ihn eindrang. B. wohnte ziemlich abgelegen, keine Nachbarn weit und breit. Sein Schrei verhallte in der Nacht.

„Schau mal Papa, da wächst ein Busch aus dem Stein raus!“ Der kleine Junge zeigte auf einen Brückenpfeiler, der zu einer alten Eisenbahnbrücke gehörte, und sein Vater schaute sich das genauer an: ja, tatsächlich, da wuchs ein Haselnussstrauch aus einer Ritze zwischen den Steinen. „Aber der hat ja gar keine Erde für seine Wurzeln. Und er kriegt auch kein Wasser!“ Ja, das sah schon seltsam aus. Wie überlebte dieser Strauch? Wie ernährte er sich? Noch schnell ein Foto und weiter ging es mit dem Sohn auf den Spielplatz. Der seltsame Busch war schnell wieder vergessen.

In diesem Sommer untersuchte die Kriminalpolizei mehrere vermeintliche Gewaltverbrechen. Es sah bei jedem einzelnen Fall so aus, als ob die Opfer mit einem Messer in den Bauch gestochen wurden, woraufhin diese ausbluteten. Es gab einige Gemeinsamkeiten bei den Verbrechen: die Opfer wohnten alle im Erdgeschoss, aber passten ansonsten in kein Schema, das zu einem Serienmörder passen würde. Auffällig waren Blutspuren, die aus den stets geöffneten Fenstern führten und sich dann verloren. Keines der Opfer hatte Feinde oder bösartige Expartner. Alle polizeibekannten Personen passten nicht zu diesen Morden. Es war zum Verzweifeln. Der Polizeioberkommissar schaute sich nochmal die Fotos von den Tatorten an, bevor er in die Mittagspause ging.

„Papa, der Busch ist nicht mehr im Stein!“ In der Tat klaffte ein Loch an der Stelle, wo letzte Woche noch dieser kuriose Strauch aus dem Stein herauswucherte. „Ich glaube, den haben sie weggemacht, weil er die Brücke beschädigt.“, sagte der Vater des kleinen Jungen, als sie bei einem abendlichen Spaziergang wieder an der alten Eisenbahnbrücke vorbeikamen.

Es war mehr ein Zufall, als entdeckt wurde, was wirklich geschah, auch wenn niemand wusste, warum es geschah. Ein Obdachloser stand angetrunken im Polizeipräsidium und behauptete, er wäre von einer „Pflanze oder sowas“ angegriffen worden, als er seinen Rausch auf einer Parkbank ausschlief. Natürlich glaubte ihm niemand und man schickte ihn wieder weg, als der Polizeioberkommissar zufällig mit einer Tasse kaltem Kaffee auf dem Gang stand und die Schilderung mitbekam. Er ging zu dem obdachlosen Mann, nahm ihn mit in sein Büro und befragte ihn: wann ist es passiert? Wie sah es aus? Was genau ist passiert? Das Forstamt wurde sofort informiert und rückte aus an die Stelle, wo vermutet wurde, dass dort die Ursache der seltsamen Verbrechen zu finden war. Ein Stemmeisen war unnötig, um die Pflanze aus der Mauer zu entfernen. Sie wurde in eine feste Decke gewickelt und direkt zum Institut für Botanik gebracht.

Die Natur ist faszinierend und vielfältig, erschreckend und wunderschön. Immer wieder werden neue Arten entdeckt, neue Erkenntnisse gewonnen. Tiere, Pflanzen und Pilze bilden Lebensgemeinschaften, aber manche sind auch Einzelgänger. Dieser Hhaselnussstrauch war ein sehr spezieller Einzelgänger, denn die menschliche Zivilisation hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Jahrzehntelang war er dem giftigen Bremsstaub der vielen tausend Züge ausgesetzt, die über die Brücke fuhren. Dem sauren Wasser, das aus dem Stein tropfte, den fehlenden Nährstoffen, dem spärlichen Licht im Schatten der Brücke. Keine guten Voraussetzungen, um zu blühen und sich zu vermehren. Aber die Natur ist erfinderisch. Die Pflanzenfasern wurden mit der Zeit beweglich, ähnlich wie bei einer Venusfliegenfalle. Irgendwann verließ er mit ungelenken Bewegungen, von Pflanzenhormonen gesteuert, mit seinen dünnen Wurzeln sein Domizil und beschaffte sich das, was er brauchte, um – wie jeder andere Haselnussstrauch auch – zu überleben, zu blühen und sich zu vermehren, an anderer Stelle. Das nasse, eisenhaltige Blut gab ihm, was er brauchte. Und dann blühte er auf. Und bildete Nüsse, die reif wurden und herunterfielen, wenn er nachts wieder zu seinem Loch im Stein gekrochen kam und tagsüber dort ausharrte und den Bremsstaub, den Dieselruß und das giftige Wasser in sich aufnahm, die sein Genom immer weiter veränderten.

Ein Eichhörnchen sammelte irgendwann eine der Nüsse ein, vergrub sie zusammen mit dem restlichen Wintervorrat und vergaß über den Winter, an welcher Stelle es seine Nahrung vergraben hatte. Als der Frühling kam und die ersten Sonnenstrahlen die Erde berührten, die Pflanzen wieder erwachten und die ersten zarten Blüten erschienen, brach an der Stelle des vergessenen Wintervorrats die Erde auf. Ein kleiner grüner Trieb kam heraus und wanderte ganz langsam in Richtung der nächsten Neubausiedlung.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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2 Kommentare
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Sabrina

Cool. Ich liebe Thriller und Krimis