1977: Der Spielplatz des Grauens Eine merkwürdige Erinnerung an meine Kindheit

Uli hatte einen Sprachfehler. Ich glaube, weil seine Milchzähne ausgefallen und die richtigen Zähne nur zögerlich oder gar nicht nachgewachsen waren. Nicht nur, dass er tagein, tagaus ein fleckiges Feinripp-Unterhemd trug und leicht nach Rotze roch, er ärgerte mich auch immer damit, dass ich als Kind Frösche eklig fand. Das Bemerkenswerte war, dass er nicht „Frosch“ sagte, denn aufgrund seines Sprachfehlers wurde daraus ein „Froß“, den er fast schon mit einem englischen „th“ aussprach. Trotzdem ging ich mit diesem leicht stinkigen, aber durchaus netten, sehr dürren und extrem blassen Kind mit kurzen, straßenköterfarbenen Haaren immer wieder zu diesem alptraumhaften Spielplatz im Blankenberg, Ecke Frühmesserstraße, den ich hasste wie die Pest. Wir hatten immer unsere Fahrräder dabei, in meinem Fall war das ein grünes Bonanza-Rad, das ich ein Jahr vorher zu Weihnachten bekam. Es hatte zwar keine Gangschaltung und auch nicht so einen coolen, langen Chrombügel hinter dem Sattel, an dem man einen Fuchsschwanz befestigen konnte, aber hey: es war ein Bonanza-Rad! So ging ich also mit Uli und meinem Freund Falk, dem Bäckerssohn, der um die Ecke wohnte, an einem trüben Nachmittag im Jahr 1977 zum Spielplatz. Wir schoben unsere Räder und Uli nervte mich mal wieder damit, dass er einen vermeintlichen „Froß“ in der Hand hielt.

Der Spielplatz war eine Zumutung und nun wirklich kein Ort, an dem Kinder spielen sollten. Er lag in einer ruhigen Seitenstraße, nicht weit von der Stadthalle entfernt, und war von 1975 bis 1984 als „Behelfsspielplatz“ in Betrieb. Und er hatte eine große, dreckige Mauer drumherum, einen Rest der alten Stadtmauer, die irgendwie mit  Beton erweitert wurde, sodass sie den ganzen Platz umschloss. Durch eine Öffnung in der Mauer gelangte man hinein, musste sich aber an einem hüfthohen Metallbügel vorbeidrängen, der früher einmal rot lackiert war und dafür sorgen sollte, dass man nicht mit dem Fahrrad auf den Platz fahren kann. Die Farbe war schon lange abgewetzt und man konnte an einigen Stellen das nackte Metall sehen, weil sich hier schon Generationen von Kindern entlanggedrückt haben. Was einen dahinter erwartete, hatte mit einem Spielplatz nicht viel zu tun.

Das Elend fing schon damit an, dass es weder Rasen noch Sand gab. Stattdessen ein dreckiger, lehmiger Boden, auf dem Glasscherben, Verschlüsse von Coladosen, Bonbonpapierchen und Stiele von abgegessenen Lutschern lagen. Hier und da fand man auch ein Hundehäufchen oder einen dunklen Fleck mit Hundepipi, zwischendrin ein paar Halme verdörrtes Gras. Wie gesagt, der Platz war komplett von Mauern umschlossen. Die linke Mauer war einfach nur kahl und es standen dort ein paar hässliche Sitzbänke und ein Mülleimer. Die Mauer, auf die man schaute, wenn man den Platz betrat, war wiederum sehr verstörend, denn ein großer Haufen dieses lehmigen Dreckbodens war dort aufgeschüttet und bildete eine Art riesige Rampe, die bis oben an die Mauer reichte. Hier fuhr man mit dem Fahrrad rauf und wieder runter oder setzte sich oben hin und spielte mit Plastiksoldaten, wie es sich für Kinder in den 70ern so gehörte.

Die rechte Mauer wiederum hatte in die Bruchsteine eingelassene Nischen mit Holzbalken, wo die älteren Kinder und Jugendlichen im Halbdunkel saßen, asozial und laut redeten, rauchten und sogar Bier tranken. Manchmal kam einer heraus auf den Platz und drangsalierte die kleineren Kinder. Diese älteren Jugendlichen, die mutmaßlich von der berüchtigten Kaiser-Wilhelm-Hauptschule kamen, hatten anscheinend Freude daran, kleine Kinder zu terrorisieren, denn vielleicht hatten sie sonst nichts weiter in ihrem kargen Leben, das sich täglich auf diesem Spielplatz abspielte. Manchmal hörte man von weitem „ich hau‘ dir eine in die Fresse!“ von einem dieser dummen Mutanten, die mutmaßlich Spaß daran hatten, alle, die schwächer waren als sie, in Angst und Schrecken zu versetzen und drohten, jedem, der ihnen nicht passte,  aufzulauern und zu verdreschen. Auch an mir ging das nicht spurlos vorbei, denn ich mied es, mich diesen Typen mit den Lederjacken und Jeanswesten zu nähern. Ehrlich gesagt hatte ich richtig Angst vor denen, zumal ich in diesem Alter als dickes Kind nicht übermäßig attraktiv war und zu allem Überfluss eine Brille trug. Brillenschlangen waren nämlich ein willkommenes Opfer für diese üblen Gestalten, die eigentlich alles verkloppen wollten, was irgendwie uncool aussah und jünger war als sie. Auch mir drohten sie das eine oder andere Mal an, mir eine in die Fresse zu hauen, was aber zum Glück nie in die Tat umgesetzt wurde.

Dieser unsägliche Platz hatte auch noch einen mittleren Bereich, der aber genauso wenig einladend war: dort gab es einen winzigen Sandkasten, der nicht viel Sand, dafür umso mehr Dreck enthielt, wo aber trotzdem einige kleine Kinder drin spielten. Eine Schaukel gab es auch, die allerdings einen sehr heruntergekommenen Eindruck machte und ein abgewetztes Klettergestell. Uli, Falk und ich kamen also mit unseren Fahrrädern auf den Spielplatz und einige unserer Spielkameraden erwarteten uns schon: Karl und Roland. Und auch Britta, die wir als Kinder alle scharf fanden, obwohl wir noch nicht so genau wussten, was „scharf“ eigentlich bedeutet. Sie war einfach nett und ein festes Mitglied unserer Kinderclique. Außerdem sah sie echt gut aus – das bemerkte man auch als 8-jähriger schon.

Der Spielplatz 1978

Natürlich gingen wir nicht zu den kleinen Kindern, die in dem trostlosen Sandkasten spielten, sondern fuhren mit unseren Fahrrädern diese absonderliche Drecksrampe rauf und runter und setzten uns dann später oben hin. Manchmal hatten wir uns vorher ein Eis geholt, das dann natürlich schon ziemlich geschmolzen war, an den Fingern herunterlief und die Hände verklebte. Mit diesen klebrigen Fingern, an denen der Dreck vom Platz besonders gut haftete, hielten wir unsere Dose Cola fest und pulten die „Königsbacher Bier“-Kronkorken, die im dreckigen Boden festgetreten waren, heraus und spielten damit. Über uns der bleierne, graue Himmel. Von hier oben konnte man das ganze Elend überblicken und ich frage mich heute noch, warum ich mich immer wieder breitschlagen ließ, auf diesen entsetzlichen Spielplatz zu gehen, der diese Bezeichnung nicht einmal ansatzweise verdient hat. Anscheinend war er von der Stadt aufgegeben worden, denn er wurde sich selbst überlassen, mitsamt der traurigen Subkultur, die dort täglich stattfand.

Und obwohl ich diesen Ort eigentlich gehasst habe, er war ein Teil meiner Kindheit. 1979 zog meine Mutter mit mir in einen anderen Stadtteil und ich kam nie mehr dorthin zurück. Später kam es mir sogar so vor, als wäre das alles nie passiert, denn so einen widerlichen Spielplatz konnte es doch eigentlich nicht gegeben haben. Seit 1984 stehen an dieser Stelle schicke Wohnhäuser und es gibt einen freundlichen Innenhof. Von dem damaligen Platz ist nichts mehr übrig geblieben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Stadtverwaltung diesen absurden Schandfleck so schnell und so gründlich auslöschen wollte, wie es nur ging. Was aus meinen Freunden von damals geworden ist, weiß ich nur bruchstückhaft: Falk ist Purser bei der Lufthansa, aber Uli und Britta habe ich nie wieder getroffen. Nach dem Umzug in den anderen Stadtteil legte sich ein Nebel des Vergessens über diese Erinnerungen. Heute, mit 51 Jahren, kommen sie wieder.

Die Stadt ist Lahnstein. Meine Heimatstadt, die ich trotz oder wegen allem immer noch sehr gerne mag.

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Über Martin

Ich bin und war es immer, der Chefredakteur des alten und des neuen Loft 75, dem illustrierten Magazin aus dem 21. Jahrhundert. Geboren 1969 in einem kleinen Ort im Welterbe Oberes Mittelrheintal und somit gebürtiger Rheinland-Pfälzer. Ich habe mich bereits 1987 für Computer interessiert, bin stets kreativ und reduziere Dinge auf das Wesentliche, schreibe gerne und interessiere mich für Design, Einrichten, Internet, Kochen, Blogging und alles, was außergewöhnlich ist und außergewöhnlich gut aussieht. Privat wohnte ich in Koblenz am Rhein - in dem besagten Loft, das keins ist. Und seit einigen Jahren wohne ich im Bergischen Land. Ich freue mich, wenn Du dieses Magazin magst - lesen wir voneinander..?
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