2 bemerkenswerte, aber mausetote Blogs
oder: warum lässt man Blogs sterben? Eine Bestandsaufnahme.

Ein Artikel von Martin vom 8. April 2010 aus der Rubrik Hintergründe und Meinungen. Mindestens 1.551 mal gelesen.

Dass das “große Blogsterben™” schon weit vorangeschritten sein soll, ist ja nichts Neues. Heute stelle ich Euch zwei – aus meiner Sicht absolut lesenswerte – Blogs vor, die nicht mehr existieren, aber seinerzeit immer für angenehme Kurzweil sorgten. Aber dazu gleich. Denn zunächst klären wir mal, warum es überhaupt dazu kommt, dass ein Blog stirbt.


Etwas Neues entsteht, um zu vergehen

Die Geburt: Irgendwann haben wir Blogger uns mal dazu entschlossen, uns dem Rest der Welt per interaktiver, aktueller Website mitzuteilen. Wir haben oft mehrere Anläufe gebraucht, um dort zu landen, wo wir jetzt sind. Manche waren früher bei blogger.com oder bei twoday.net, bei blog.de oder bei einer der anderen Free-Blog-Communities. Dann haben wir uns vielleicht dazu entschlossen, eine eigene Domain für kleines Geld zu registrieren und selbst mittels WordPress, Serendipity oder einer anderen Blogsoftware unseren Traum vom individuellen Magazin, Tagebuch oder was-auch-immer zu verwirklichen. Mit individuellem Stil, eigenen Grafiken, persönlichen Themen und hübscher Aufmachung. Wir haben gebastelt, gefrickelt, sind verzweifelt, aber haben versucht, etwas zu erstellen, was wir schon immer haben wollten.

Das Leben: Viele von uns haben Spaß daran, jeden Tag oder alle paar Tage zu schreiben, was sie bewegt, was sie entdeckt haben oder was sie gerne loswerden wollen: Fotos, Texte, Links und noch viel mehr. Kommentare zu erhalten, eine eigene, lebendige, kleine “Community” zu betreiben. Das Ganze mit Leben zu füllen. An Statistiken zu verzweifeln, sich zu freuen, wenn es mehr Besucher gibt als sonst; zu merken, dass das, was man schreibt, ankommt.

Der Tod: Doch irgendwann kommt bei manch einem der Punkt, dieses Hobby aufzugeben und man einfach keine Lust oder Zeit mehr hat. Für mich ist das momentan undenkbar, aber so manche/r hat sich für diesen Schritt entschieden. Dann ist die Zeit gekommen, wo ein Blog stirbt. Etwas, das mühsam aufgebaut wurde, dem Verfall preisgegeben wird. Und vielleicht Twitter, Social Networks & Co. geopfert wird, weil man sich in diesen Medien mittlerweile wohler fühlt. Manch einer zieht sich aber auch komplett zurück oder startet etwas ganz Neues. Es gibt viele Gründe, warum ein Blog sterben kann.


Redaktionell gut gestaltete Inhalte gehen flöten, wenn man “neue Techniken” benutzt

Schade, ist aber leider so: Twitter und Facebook können nicht die Informationstiefe bieten, die ein Blog bieten kann. Es geht dort oft nur darum, schnelle Inhalte, Aufgeschnapptes, Befindlichkeiten und Banales zu präsentieren:

“Markus M.: ich schiebe gerade eine Pizza in den Ofen.”

“Michael W.: Scheißtag heute, ich gehe gleich in’s Bett”

“Sonja P. war gerade in der Badewanne” – “5 Leuten gefällt das”

Modernes digitales Grundrauschen, das oftmals mit Information verwechselt wird – in Wirklichkeit ist es in vielen Fällen Datenmüll, der die Leitungen verstopft und ganz einfach nutzlos ist. Ich sage nicht, dass es nicht auch vernünftige Tweets oder Facebook-Statusmeldungen gibt. Aber diese Medien verleiten einfach dazu, aus Langeweile irgendeinen Krempel zu posten. Wie twitterte eine nette Person letztens sinngemäß: “Ich würde mir bei meinen eigenen Tweets sicher nicht folgen.” Das sagt doch alles, oder?

Ein Blog ist das Gegenteil, denn hier macht man sich Gedanken, was man schreibt und formuliert die Sache aus, garniert sie mit Bildern und Videos, sodass ein richtiger Artikel dabei heraus kommt, den man gerne liest. Ich nenne das “redaktionell aufbereiteten Content”; einfach ein nachhaltiges, lesenswertes Stück Inhalt, das die Zeit überdauert. Das man schlimmstenfalls mit einem Minimum an Engagement schreibt, aber im Hinterkopf hat, dass es mehr sein sollte als ein dahingerotzter Blödsinn, den man genau so gut auch hätte twittern können, damit er im Nirvana der Belanglosigkeit untergeht.

Ein Blogpost hat somit eine gewisse Wertigkeit. Etwas Bleibendes, über das man sich Gedanken gemacht hat.


2 Leichen, 2 Schicksale

Der Retronaut und Katja haben sich dazu entschlossen, ihre Blogs nicht weiter zu führen. Die Gründe sind unterschiedlich: der Retronaut hatte einfach keine Zeit mehr und Katja wollte einen Neuanfang wagen.


Retropa – der Blog des Retronauten

Der Retronaut hat sich aus Zeitmangel dazu entschieden, sein Blog einzustellen. Sehr schade. Denn seine quietsch-orange Seite mit den vielen liebevollen Details war immer ein Quell von Prilblumen-, Kinderschokolade- und Peter-Lustig-Content aus den guten alten 70er Jahren. Eben dem schönen Trash, über den ich normalerweise nicht schreibe ;-) Schade, dass der Retronaut nicht mehr weiter macht…


Das Blonde Alien – Katja

Katja hatte ein sehr bemerkenswertes Blog. Oft vulgär, aber immer anspruchsvoll. Das Wort “ficken” kam durchaus öfters vor :-) Aber der Inhalt war immer klasse. Und Ihr habt das Glück, dass Ihr Euch noch davon überzeugen könnt, denn “Das Blonde Alien” ist noch als “Leiche” online. Als Remineszenz an eine wirklich bemerkenswerte Bloggerin, die angeblich unter neuem Namen und mit anderen Inhalten weiter macht…munkelt man…


Lasst uns sterben, um zu leben?

Nein! Lasst uns weiter machen, um weiter zu leben! Wer sich dazu entschieden hat, eine virtuelle Identität aufzubauen, sollte sie nicht leichtfertig aufgeben. Retronaut und Katja hatten ihre Gründe, aber niemand sollte sein Projekt einfach so aufgeben. Nur, weil es nicht mehr “modern” ist oder weil Twitter “direkter” und “schneller” ist. Oder weil es gerade en vogue ist, dass Blogs sterben.

Bitte lasst Eure Blogs leben und mit Leben gefüllt werden. Denn jeder hat etwas zu erzählen. Und damit wird das Internet ein Stück bunter: ob’s banal ist, technik-lastig, wordpress-profimäßig oder einfach schön und kurios: Macht weiter!


Wie sieht’s bei Euch aus?

Habt Ihr schon mal mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören? Und wenn ja, warum? Wie schätzt Ihr die Zukunft des Bloggens ein? Hat das Ganze  – Eurer Meinung nach – überhaupt  eine Zukunft bzw. Daseinsberechtigung im 21. Jahrhundert und zu Zeiten des Web 2-3.0?

Ich bin gespannt auf Eure Meinungen!


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Es wurden bereits 10 Leserbriefe geschrieben

Von Marc UNITED STATES am 09.04.2010

Ich fühlte mich beim lesen Deines Berichtes irgendwie schwer schuldig. Ja – auch mein Blog hat schon bessere Tage gesehen , es ging schon mal mehr ab und überhaupt.
Nun – was sind die Gründe ? Bei mir sicherlich zuallererst das zwei Rubriken mehr oder weniger durch den Abmahnwahnsinn mancher Anwaltskanzlei einen unsanften Tod sterben mußten: Die des Musikvideos und die des Podcast. Beides waren Rubriken die mir persönlich sehr viel Spaß gemacht haben , aber Aufgrund der lieben GEMA habe ich die meines Geldbeutels wegen fallen lassen. Ich habe leider nicht die Kohle um die Abmahnkosten zu bezahlen.

Nun – weitere Gründe sind bei mir sicherlich auch das viele Nachrichten imo so unspektakulär sind das ich diese nach dem lesen direkt wieder vergessen habe. Ich hätte sicherlich den Russischen Tralala Mann in meine Fun Sektion aufnehmen können , aber mir war irgendwie klar das der schneller in den Blogs dieser Welt die Runde macht als einem lieb ist.

Bei mir ist es sicherlich auch das fehlende Feedback , die meiste Zeit kommt es mir so vor als schreibe ich das ganze nur für mich selber. Das ist aber wohl das Los was man hat wenn man bei blogger.com ist.

Zudem schreibe ich nicht gerne über Private Dinge. Manchmal mache ich schon eine Ausnahme , wie z.B. als meine Mutter vor 1,5 Jahren gestorben ist. Aber irgendwie habe ich da etwas Hemmungen da öffentlich einen Seelenstriptease zu machen.

Twitter ist für mich lediglich eine Art Ersatz für schnelle Einwürfe oder Gedanken – sicherlich ist das meiste von meiner Seite auch nicht gerade Gehaltvoll , aber manches schreibe ich auch nur aus Spaß , so aus dem Moment heraus.
Blogs werden imo schon noch eine Rolle spielen , aber nach der großen Welle wo fast jeder einen hat trennt sich nun die Spreu vom Weizen. man könnte es auch Gesundschrumpfen nennen.
Sterben lassen werde ich meinen Blog i.M. sicher noch nicht , aber wer kann schon sagen was kommt. In 6 Monaten könnte es sein das ich ihn doch zumache oder aber wieder stärker einsteige. Ich plane da nicht voraus sondern lasse mich da eher treiben….



Von Kamahari GERMANY am 09.04.2010

Hallo Martin, interessanter Artikel. Vor einiger Zeit habe ich – auf Betreiben meines Freundes hin – ebenfalls mit dem Bloggen angefangen. Allerdings geht es bei mir doch eher um das Verarbeiten und vor allem darum, Verständnis bei Anderen zu erwecken.
Im Grunde war schon beim Einrichten klar, dass er irgendwann sterben wird, denn irgendwann ist jede Geschichte erzählt.
Wobei mir allerdings doch immer wieder neue Themen einfallen – und seien es nur die leeren Straßen morgens um 07.30 Uhr ;-)

Mit Twitter & Co. habe ich überhaupt nichts am Hut. Hin und wieder lese ich bei meinem Freund mit und schüttel innerlich den Kopf darüber, was für “Schwachsinn” manche Leute verzapfen. Wissen sie nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen, als das mitzuteilen, was Du bereits als Beispiel genannt hast? Aber vielleicht findet sich auch hierauf eine Antwort ;-)
Und jetzt hoffe ich nur, dass mein Freund nicht auf diesen Kommentar stößt, sonst würde er mich vermutlich einen Kopf kleiner machen, lach.



Von Martin GERMANY am 11.04.2010

@Marc: Oh weia, Abmahnungen…ich bin letztes Jahr ganz knapp an einer vorbei geschliddert :-(

Aber ich schreibe auch über vieles, was schon andernorts publiziert wurde. Das Internet hat eine gewisse Redundanz, also das “Mehrfach-Vorhandensein” von Themen. Damit muss man leben. Kann ja nicht jeder so schnell informiert sein wie Robert Basic oder Herr Nerdcore ;-) Aber ich versuche immer, dem Ganzen eine weitere Sichtweise abzugewinnen bzw. zum Nachdenken anzuregen.

Bitte lasse Dein Blog nicht sterben, zumal ich es die Tage endlich mal in meine “Lesezirkel”-Sektion aufnehmen werde. Es wäre echt schade, wenn Du die Lust verlierst, Marc. Tschakka! :-)

@Kamahari: Hey, Du verirrst Dich auch immer öfter hier hin :-)

Twitter ist gar nicht sooo schlimm, denn man wählt einfach aus, was man lesen möchte. Und die pillepalle-Twitterer hat man irgendwann sowieso abbestellt. Das Spannende ist, dass es auch Twitterer gibt, die echt gute Tipps haben oder was zu sagen haben. Halt wie im Rest des Internets auch: manches ist banal, manches hoch-interessant. Ich betrachte es als Ergänzung, aber auch als Medium, um meinen eigenen Sermon bekannt zu machen (klappt überraschend gut). Keine Vorurteile – die hatte ich auch mal, aber das stimmt nur bedingt. Man muss nur die richtigen Leute abonnieren. Dann gibt’s auch keine “ich habe Langeweile”-Tweets, sondern wirklich interessante Sachen zu lesen. Probier’s doch mal unverbindlich. Kost’ ja nix.

Ich könnte ja jetzt sagen “Twitter ist für Frauen, die Klatsch&Tratsch mögen, genau richtig” – aber das verkneife ich mir einfach mal :-D



Von Marc UNITED STATES am 12.04.2010

Hey wie Geil – FEEDBACK !!!!!!!!!
Wie gesagt – i.M. ist von schließen noch nicht die Rede.



Von Yvonne GERMANY am 12.04.2010

Schatz, wie kannst Du denn sowas behaupten? Laut einer Studie, die ich vor einigen Jahren im TV sah, sind Männer die weitaus größeren Klatschbasen. Ich sehe das übrigens genauso :-)



Von Steve GERMANY am 17.04.2010

Hajo, mein Blog liesst auch keine Sau, was mich natürlich nicht davon abhält wenigstens einmal im Monat was kleines zu tippeln und wenns nur was witzig blödes ausm Büro ist oder was ich mir grad neues gekauft habe.

Mit LiveWriter ist das mal mehr als einfach und unkompliziert erledigt…



Von Kamahari GERMANY am 18.04.2010

Hallo Martin, ja, tue ich. Du schreibst recht interessant und da macht das lesen Spaß.

Danke für den Hinweis, aber Twitter überlasse ich trotzdem lieber den Frauen/Männern, die Klatsch & Tratsch lieben ;-) .

Wie schon geschrieben, lese ich hin und wieder bei meinem Freund mit, jedoch kann ich der ganzen Sache einfach nichts abgewinnen. Im Übrigen sieht er es ähnlich wie Du.

Wenn ich “Klatsch & Tratsch” haben möchte, dann beschränke ich mich lieber auf das smsen mit den mir bekannten und vertrauten Personen :-) . Aber so hat jeder seine Vorlieben und in der heutigen Zeit der Kommunikationsmöglichkeiten auch den Raum, diese auszuleben.



Von Gilly GERMANY am 23.04.2010

1. Retropa -> Blog löschen geht gar nicht.
2. Blonde Alien -> Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist :)



Von Martin GERMANY am 26.04.2010

Steve, wenn man das ohne Druck macht, ist das völlig okay. Bei mir hat’s auch als eine Art Tagebuch angefangen – s. meine allerersten Einträge. Wichtig ist, dass man etwas mitteilt, wenn man das Bedürfnis dazu hat, oder?

Gilly, ich finde auch, dass Herr Retropa die Bude nicht so einfach hätte dichtmachen sollen. Immerhin war’s ein tolles Ding, das jetzt leider tot ist. Und beim blonden Alien bin ich immer noch am rätseln, unter welcher neuen Adresse sie jetzt aktiv ist…



Von Loft 75 GERMANY am 02.02.2011

[...] Bloggersterben..? Nö! Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix Bewerte den Artikel! Rechts im Servicebereich gibt's noch mehr Informationen und Funktionen! Dieser Artikel wurde bisher noch nicht bewertet Schreibe einen Leserbrief! [...]







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